Interview | Hans Ortmann über den Bürokratieabbau im Heilmittelbereich

Fehlerhafte Verordnungen, umfassende Prüfpflicht für Heilmittelerbringer, der Einzug von Zuzahlungen, Verjährungsfristen – der bürokratische Aufwand für Therapeuten im Heilmittelbereich wird immer massiver. Viele Therapeuten fordern daher den Bürokratieabbau im täglichen Praxisablauf. Auch der VPT setzt sich schon lange für die Entbürokratisierung ein. In diesem Interview sprechen wir mit unserem Bundesvorsitzenden Hans Ortmann über die aktuelle Sachlage.

Herr Ortmann, die Therapeuten geraten zunehmend unter Druck, den hohen bürokratischen Aufwand im Praxisalltag meistern zu können. Gibt es Hoffnung auf eine baldige Entbürokratisierung?

Der Bürokratieabbau ist bereits seit geraumer Zeit eine zentrale Forderung des VPT. Für uns Therapeuten ist es frustrierend, einen Großteil unserer Arbeitszeit mit fehlerhaften Verordnungen oder Zuzahlungseinzügen verbringen zu müssen. Hier muss sich dringend etwas ändern. Genau deswegen befinden wir uns aktuell im engen Austausch mit dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Mit dem Dialogprozess „Bürokratieabbau im Heilmittelbereich“ erarbeiten wir gerade, gemeinsam mit den anderen maßgeblichen Verbänden, in verschiedenen Arbeitsgruppen geeignete Lösungen für diese Problematik. Weil auch die Kassenseite und Ärzteschaft bei diesem Dialogprozess mit im Boot sitzen, erwarte ich einen definitiven Erfolg.

Welche Themen stehen hierbei konkret im Fokus?

Vordergründig geht es um die Zertifizierung der Praxissoftware, die Prüfpflicht der Heilmittelerbringer, Einzug von Zuzahlungen sowie um die Digitalisierung.

Bedingt durch die Prüfpflicht entsteht für Therapeuten aufgrund von fehlerhaften Verordnungen häufig ein hoher bürokratischer Aufwand. Sind hier Erleichterungen für die Heilmittelerbringer geplant?

Wenn alle an der Heilmittelversorgung beteiligten Personen (Ärzte, Zahnärzte, Krankenhäuser etc.) per Verpflichtung mit der gleichen Praxissoftware arbeiten würden, wäre es schon einmal eine deutliche Verbesserung. Kommt es dann vereinzelt immer noch zu fehlerhaften Verordnungen, bedarf es einer Korrekturverpflichtung für die Verordner, da sich diese häufig weigern die Fehler zu korrigieren. Hier fehlt oft das Verständnis, dass fehlerhafte Verordnungen für den Therapeuten einen finanziellen Nachteil zur Folge haben.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Therapeuten beim Einzug von Zuzahlungen zu entlasten?

Heilmittelerbringer sind verpflichtet, die von Versicherten entrichtenden Zuzahlungen einzuziehen und gegenüber den Krankenkassen zu verrechnen. Für uns Therapeuten steht dahinter ein großer bürokratischer Aufwand. Dies ließe sich zum Beispiel vermeiden, indem der Einzug der Zuzahlung vollständig von den Krankenkassen übernommen wird. Eine weitere Möglichkeit wäre eine gesetzliche Verpflichtung für die Patienten, die Zuzahlung bis spätestens zur letzten Behandlung zu bezahlen, dann eine Verpflichtung für die Kassen, nach Behandlungsende noch nicht geleistete Zuzahlungen einzuziehen.

Im Rahmen der Corona-Pandemie wurde den Heilmittelerbringern die Möglichkeit der Videotherapie gegeben. Seit Ende Juni können diese Videobehandlungen nun nicht mehr abgerechnet werden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Die Videobehandlung stellt eine gute Ergänzung zur traditionellen Face-to-Face Behandlung dar und ersetzt diese nicht. Insbesondere in diesen Zeiten kann es sinnvoll sein, diese Behandlungsform unter Einhaltung der entsprechenden Vorschriften durchzuführen. Die Videobehandlung kann die Selbstständigkeit der Patienten und das Erlangen einer Mitverantwortung für ihren Therapieverlauf positiv beeinflussen. Die Bereiche Edukation, Vermittlung und Kontrolle von Eigenübungsprogrammen z.B. bei der Krankengymnastik eignen sich gut für die Videotherapie.  

Wie geht es nun mit dem Dialogprozess „Bürokratieabbau im Heilmittelbereich“ weiter?

Wir Verbände haben vom BMG einen Fragenkatalog zu den Themen „Prüfpflicht der Heilmittelerbringer“ sowie „Einzug von Zuzahlungen, Digitalisierung und Verbesserungen der Datenlage“ erhalten, welchen wir im VPT bereits bearbeitet, ausgefüllt und ans BMG zurückgesendet haben. Noch im August finden darauf aufbauend zwei Arbeitsgruppensitzungen statt. Wir informieren unsere Mitglieder fortlaufend über die aktuellen Ereignisse.

Wir sind sehr gespannt, vielen Dank für das Gespräch, Herr Ortmann!