Infektprophylaxe im Leistungssport

| PD Dr. med. Arno Schmidt-Trucksäss

Über Sieg und Niederlage entscheiden im Leistungssport oft nur wenige Hundertstel Sekunden. Will man diese nicht verschenken, muss der Körper eines Athleten auf den Punkt topfit sein. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür ist eine optimale Gesundheit. Leider gehören zur Realität der Vorbereitung vieler Athleten häufiger Infekte, insbesondere der Nasennebenhöhlen, des Rachens und der Bronchien. Besonders gefährdet sind die Sportler, die Wind und Wetter ausgesetzt sind wie Radsportler oder Schwimmer mit teilweise mehrfachem "Klimawechsel" zwischen Schwimmhalle und der Umgebung. Auch Phasen intensiven Trainings, die Entlastungssituation unmittelbar vorm Wettkampf ("Ruhe vor dem Sturm") und die Woche nach einem Wettkampfhöhepunkt stellen eine Gefährdung für das Immunsystem dar.

Die Phase erhöhter Infektanfälligkeit nach einer starken körperlichen Anstrengung bezeichnet man als "open window" (Abb. 1). Dabei sinkt die Immunabwehr für mehrere Stunden unter das normale Niveau und bietet somit Viren und Bakterien ideale Bedingungen, sich auf den Schleimhäuten anzusiedeln und zu vermehren (1-3). So entstandene Infekte dürfen im Leistungssport nicht als Schönheitsfehler bagatellisiert werden. So konnten zum Beispiel Sportmediziner der australischen Schwimmnationalmannschaft zeigen, dass fast die Hälfte der Athleten in den letzten sechs Wochen vor den Commonwealth Games einen banalen Infekt der oberen Atemwege erlitt (4). Von den Goldmedaillengewinnern waren allerdings nur ein Drittel, von den Zweit- und Drittplatzierten durchschnittlich 41% erkrankt. Auch die Trainer und Betreuer wiesen eine vergleichbare Infekthäufigkeit auf. Für die Athleten bedeutete der für die 100m Freistilstrecke berechnete Zeitunterschied zwischen gesunden und kranken Schwimmern von 0,13 sec den Verlust von 1-3 Plätzen oder sogar eine Medaille (4). Infektschutz lohnt sich also. 

Infektprophylaxe im Leistungssport beginnt mit dem richtigen Verhalten wie Trocknen der Haare und des Gehörgangs nach dem Duschen im Anschluß an das Training, Meiden von Zugluft und Auskühlung. Diese einfachen, aber wirkungsvollen vorbeugenden Maßnahmen werden zu wenig beachtet. Zum wichtigsten Kleidungsstück eines Athleten zählt in der kalten Jahreszeit neben windabweisender und wärmender Kleidung eine Mütze. Als betreuender Arzt der Schwimmnationalmannschaft habe ich das Motto "Mütze muss mit (MMM)" ausgegeben. Auch sollten Erkrankte bei Trainingslagern und Wettkämpfen vorsichtshalber frühzeitig ein eigenes Zimmer erhalten.

Die zweite Säule der Infektvermeidung ist eine kohlenhydrat- und eiweißreiche Ernährung. Bei kohlenhydratreicher Kost (mindestens 55 % der aufgenommenen Energiemenge) ist die Cortisol- und Interleukinantwort nach einer intensiven Trainingsbelastung deutlich geringer als ohne Betonung der Kohlenhydrate in der Ernährung, d.h. die Streßreaktion fällt deutlich geringer aus (5). 

Auch die Zufuhr von Eiweiß wirkt sich offenkundig positiv auf belastungsassoziierte Infekte aus. Nach Gabe der Aminosäure Glutamin vor einem Marathonlauf war die Infektrate der Glutamin-Gruppe mit 19 % (15/72) im Vergleich zur Placebo-Gruppe mit 51 % (48/79) mehr als halbiert (6). 

Die Wirkung der Substitution von Vitamin C auf das Infektgeschehen wird im Vergleich zu den Verhaltensregeln und den Ernährungsempfehlungen häufig überschätzt und "statt dessen" angewendet, was jedoch keinen umfassenden und wirksamen Infektschutz bieten kann. Es konnte allerdings ein ergänzender Effekt bei regelmäßiger Einnahme von Vitamin C erzielt werden (7), der bei 1,5 g/Tag im Vergleich zu 0,5g/Tag im Hinblick auf die Minderung der Streßantwort nach Belastung günstiger ausfiel (8). 

Unter den verschiedenen Maßnahmen der physikalischen Therapie sind an erster Stelle regelmäßige Saunagänge zu nennen. Eingebettet in den Trainingszyklus sollte einmal wöchentlich an einem Tag mit geringerer Trainingsbelastung sauniert werden. Für Unerfahrene erscheinen zunächst ein bis zwei Saunagänge mit jeweils 5 bis maximal 10 Minuten Dauer ausreichend. Dieses kann schrittweise auf 3 Saunagänge mit 8 - 15 Minuten Dauer pro Saunabesuch gesteigert werden. Wichtig sind beim Saunieren ausreichend lange Pausen von ca. 15 Minuten zwischen den Saunagängen. 2 Stunden sollten in jedem Fall für den Saunabesuch eingeplant werden. Durch die unmittelbar nach dem Saunagang folgende Abkühlung u.a. in Form einer aufsteigenden Kaltwasserdusche, eines Eiswasserschwalls oder eines Tauchbades im kalten Wasser wird ein starker stimulierender Reiz auf das Immunsystem ausgeübt. Die starke Temperaturdifferenz führt bei erfahrenen Saunagängern akut zu einer Ausschüttung von Interleukinen (IL-6 und IL-1ß) in Monozyten, was als Zeichen einer besseren Mobilisation der Körperabwehr angesehen wird. Darüber hinaus sind Leukozyten, Monozyten und IL-6 Konzentration im Plasma bei diesen Personen erhöht (9). Die Verbesserung der Abwehrlage stellt sich nach einem einmaligen Saunagang allerdings noch nicht ein, sondern ist erst nach einer Gewöhnungsphase zu erwarten. 

Auch eine entmüdende Massage und Lymphdrainage könnte einem Infekt nach intensiver muskulärer Belastung vorbeugen. Diese Annahme fußt auf der nachgewiesenen Interaktion zwischen Monozyten-Makrophagen-System und der Reaktion der Muskulatur nach ungewohnten Belastungsspitzen. Insbesondere nach extensiven Kraftbelastungen mit Muskelkater wandern Fresszellen in das Epimysium des Muskels ein, um Anpassung und Reparationsprozesse in der Muskulatur zu unterstützen (10). Damit stehen sie bei der Infektabwehr passager nicht mehr zur Verfügung. Eine abführende Massage bzw. Drainage der lymphatischen Abflusswege nach intensivem Training oder einem Wettkampf beschleunigt die Anpassungs- bzw. Reparaturprozesse in der Muskulatur und stellt damit die zellgebunden Infektabwehr schneller wieder her. Das wird auch durch eine Studie bei gesunden Personen unterstrichen, bei der ein Abfall der Akutphaseproteine IL-6 und IL-4 nach 6 Ganzkörpermassagen im Abstand von jeweils 2 Tagen beobachtet wurde (11). Es ist anzunehmen, dass die beruhigenden Wirkung der Massage auf das vorher durch eine Belastung aktivierte Immunsystem die Regeneration beschleunigt und damit einem Infekt in der Wiederherstellungsphase vorbeugt. 

Treten Infekte trotzdem gehäuft auf, muß den Ursachen auf den Grund gegangen werden. Ärztlicherseits sollten chronische Entzündungsherde, sogenannte Foci, ausgeschlossen werden. Dazu gehören an allererster Stelle eine Tonsillitis, Sinusitis und Entzündungen der Gehörgänge. Seltener sind kariöse Zähne mit begleitender Parodontitis oder Pulpainfektion die Ursache. Auch Asthmatiker oder Sportler mit überempfindlichem Bronchialsystem zählen zu denjenigen, die infektanfälliger sind. Zusätzlich sollte ein Eisenmangel als Ursache von Leistungsschwäche und Infektneigung ausgeschlossen werden (12). 

Wenn trotz der genannten Maßnahmen immer wieder Infekte der oberen Atemwege auftreten, erscheint eine Pharmakoprophylaxe gerechtfertigt. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Echinacea angustifolia den Ausbruch eines Infekts des Nasenrachenraums mit Rhinoviren nicht verhindern kann (13). Eine wirkungsvolle Alternative dagegen scheint ein Extrakt aus der Wurzel von Pelargonium sidoides und reniforme zu sein. Die antiadhäsive Wirkung auf Viren an den Schleimhäuten und die gesteigerte Aktivierung von Makrophagen, die mit Pelargonium sidoides und reniforme vorinkubiert wurden (14), scheinen die pathophysiologischen Grundlagen ihrer prophylaktischen Wirkung zu sein. Zumindest sprechen nach einer eigenen Untersuchung 84% Athleten der Schwimmnationalmannschaft Pelargonium sidoides und reniforme eine vorbeugende Wirkung von Infekten der oberen Atemwege zu. Das muss im Gegensatz zur belegten therapeutischen Wirkung bei der Bronchitis (15) und Tonsillitis (16) noch durch prospektive Studien belegt werden. 

Unter Berücksichtigung der Anti-Infekt-Verhaltensregeln, einer kohlenhydrat-, eiweiß- und vitaminreichen Ernährung sowie nach Ausschluß von Mangelzuständen und chronischen Entzündungsherden können einfache Infekte der oberen Atemwege in vielen Fällen vermieden werden, was für eine gute Wettkampfleistung und einen ungestörten Trainingsprozess oder sogar einen Medaillenplatz entscheidend sein kann.


Literatur

(1) Gabriel H, Urhausen A, Kindermann W.: Mobilization of circulating leucocyte and lymphocyte subpopulations during and after short, anaerobic exercise. Eur J Appl Physiol Occup Physiol 1992; 65 (2):164-170.
(2) Nieman DC.: Exercise, upper respiratory tract infection, and the immune system. [Review] [113 refs]. Med Sci Sports Exerc 1994; 26 (2):128-139.
(3) Nieman DC.: Special feature for the Olympics: effects of exercise on the immune system: exercise effects on systemic immunity. Immunol Cell Biol 2000; 78 (5):496-501.
(4) Pyne DB, McDonald WA, Gleeson M, Flanagan A, Clancy RL, Fricker PA.: Mucosal immunity, respiratory illness, and competitive performance in elite swimmers. Med Sci Sports Exerc 2001; 33 (3):348-353.
(5) Bishop NC, Gleeson M, Nicholas CW, Ali A.: Influence of carbohydrate supplementation on plasma cytokine and neutrophil degranulation responses to high intensity intermittent exercise. Int J Sport Nutr Exerc Metab 2002; 12 (2):145-156.
(6) Castell LM, Poortmans JR, Newsholme EA.: Does glutamine have a role in reducing infections in athletes? Eur J Appl Physiol Occup Physiol 1996; 73 (5):488-490.
(7) Peters EM, Goetzsche JM, Grobbelaar B, Noakes TD.: Vitamin C supplementation reduces the incidence of postrace symptoms of upper-respiratory-tract infection in ultramarathon runners. Am J Clin Nutr 1993; 57 (2):170-174.
(8) Peters EM, Anderson R, Nieman DC, Fickl H, Jogessar V.: Vitamin C supplementation attenuates the increases in circulating cortisol, adrenaline and anti-inflammatory polypeptides following ultramarathon running. Int J Sports Med 2001; 22 (7):537-543.
(9) Dugue B, Leppanen E.: Adaptation related to cytokines in man: effects of regular swimming in ice-cold water. Clin Physiol 2000; 20 (2):114-121.
(10) Malm C, Sjodin TL, Sjoberg B, Lenkei R, Renstrom P, Lundberg IE et al.: Leukocytes, cytokines, growth factors and hormones in human skeletal muscle and blood after uphill or downhill running. J Physiol 2004; 556 (Pt 3):983-1000.
(11) Huber C, Werner GT.: Immunologische Wirkungen der klassische Massage. Physikalische Therapie 17, 180-183. 1996. 
(12) Oppenheimer SJ.: Iron and its relation to immunity and infectious disease. J Nutr 2001; 131 (2S-2):616S-633S.
(13) Turner RB, Bauer R, Woelkart K, Hulsey TC, Gangemi JD.: An evaluation of Echinacea angustifolia in experimental rhinovirus infections. N Engl J Med 2005; 353 (4):341-348.
(14) Kayser O, Kolodziej H, Kiderlen AF.: Immunomodulatory principles of Pelargonium sidoides. Phytother Res 2001; 15 (2):122-126.
(15) Matthys H, Eisebitt R, Seith B, Heger M.: Efficacy and safety of an extract of Pelargonium sidoides (EPs 7630) in adults with acute bronchitis. A randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Phytomedicine 2003; 10 Suppl 4:7-17.
(16) Bereznoy VV, Riley DS, Wassmer G, Heger M.: Efficacy of extract of Pelargonium sidoides in children with acute non-group A beta-hemolytic streptococcus tonsillopharyngitis: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Altern Ther Health Med 2003; 9 (5):68-79.