Golfspezifische Prävention, Beratung und Behandlung bei Beschwerden des "unteren Rückens"

| Dieter Hochmuth, Dr. Christian Haid Phd

Ohne Zweifel ist die Rücken- Beckenregion ein stark belasteter Bereich am menschlichen Körper. Das Becken und die dazugehörige Beckenbodenmuskulatur, besonders der M. illiospsoas, sind in ihrer Anpassung entwicklungsgeschichtlich ein später Abschnitt bei der Entwicklung zum aufrechten Gang. Aus diesem Grund treten bei körperlicher Belastung in diesem Bereich auch gehäuft Probleme auf.

Viele Personen beginnen spät mit dem Golfsport und bundesweit sind viele um die 55 Jahre alt. Einige übten früher schon Ballsportarten wie Fußball oder Tennis aus und wechseln aus unterschiedlichen Gründen zum Golf. So finden sich bei früheren Fußballern häufig fortgeschrittene Arthrosen in den Sprunggelenken, bei Tennisspielern liegt nicht selten ein Impingement Syndrom in der Schulter vor, die einen Wechsel der Sportart erzwingen. Andere Golfeinsteiger wenden sich dem Golfsport aus gesundheitlichen und/oder sozialen Aspekten zu und erfreuen sich an der Bewegung im Grünen. Es ist daher für den Physiotherapeuten wichtig die Vorgeschichte und die Problembereiche einzelner Spieler zu kennen, um mit geeigneten präventiven Maßnahmen Überlastungen zu vermeiden. Für frühere Sportler, genauso wie für "Sportneulinge" sind die individuellen Belastungen im Golfsport nicht zu unterschätzen. Es ist daher notwendig, mit gefestigtem Grundwissen im Bereich der golfspezifischen Belastungen, unter Einbeziehung der biomechanischen Gesichtspunkte, Golfer in ihrer Sportart zu begleiten.

Golfspieler, die gesundheitliche Vorgaben wie z.B. Hüft-TEP, Rückenbeschwerden oder Arthrosen in anderen Gelenken haben, können durch Adaptation des Golfschwunges und durch üben spezieller Entlastungsmechanismen ihren individuell optimierten Bewegungsablauf entwickeln. So ist es auch möglich, dass Golfer nach Operationen bald wieder ihren Golfsport ausüben können. Mit effizient wirksamen 3D-Übungen kann die Rehabilitationsphase günstig gestaltet werden und ein frühest möglicher Einstieg in den Golfsport wird erreicht. Mit entsprechendem Wissen aus dem Golfsport, Wissen über angepasste Übungsmethoden und dem Vokabular um mit Golflehrern zusammenarbeiten zu können, kann ein individuell angepasster Golfschwung bei fast allen körperlichen Handicaps entworfen werden. Sportmediziner, Physiotherapeuten (Golf-Physio-Trainer®) und Golflehrer ergänzen kooperieren und ermöglichen Spaß am Sport und hohe Lebensqualität.

Der klassische und der moderne Golfschwung - was ist klassisch, was ist modern?

Es hat mittlerweile auch bei den Golflehrern ein Umdenken stattgefunden. Es steht nicht mehr nur die "Weite" der Golfschläge im Vordergrund, sondern es finden der Gesundheitsaspekt und die Prävention immer mehr Beachtung, sei es bei der modernen Ausbildung der Golflehrer der PGA-Germany oder in den Fortbildungen der Golfübungsleiter für Jugend.

Der ehemals klassische (altmodische) Golfschwung mit seiner weitgehend geraden LWS im Finish (Ende der Bremsphase) ist aus den neuesten Erkenntnissen der Biomechanik jetzt wieder "der moderne Golfschwung". Der lange Zeit als modern und elegant bezeichnete Golfschwung mit seinen übertriebenen "Lordose-Finish" ist "Gott sei Dank" jetzt der "uncoole" Golfschwung. Facettengelenke, Bandscheiben und Dornfortsätzen können "dankbar" für dieses Umdenken sein.

Golfspezifische, präventive Maßnahmen 
(alle Angaben beziehen sich auf Rechtshänder)

Die golfspezifischen, präventive Maßnahmen des Physiotherapeuten in Zusammenarbeit mit dem Pro (Golflehrer) bei LWS Beschwerden: Die meisten LWS-Beschwerden können beim Abschlag des Balles durch ein abruptes Abbremsen beim Impact (Treffmoment) oder durch zu frühen Bodenkontakt entstehen. Des weiteren kommt es zu einer enormen Torsionsbelastung an der linken Hüfte. Wenig Beachtung findet die Tatsache, dass eine BW- Steife eine Ausweichbewegung auf die Lendenwirbelsäule bewirkt und die mit nur ca. 5-8° Torsionsmöglichkeit ihre Bewegungsmöglichkeit überschreitet, wodurch erhebliche Beschwerden ausgelöst werden können.

Um so beim Golfschwung auf eine Entlastung der LWS einwirken zu können, sollte die BWS z.B. durch Spiraldynamik, pro Seite um 30°, auf mehr Beweglichkeit trainiert werden.

Periostitis am Beckenkamm

Zur Ansatzreizung (Periostitis) der Fascia thoracolumbalis am Beckenkamm kommt durch Überbelastung durch zu langes, intensives und einseitiges Schlagtraining, besonders bei Jugendlichen, die eine überdurchschnittliche Motivation aufweisen. Beim zu langen Putten (Schläge zum Einlochen auf dem Grün) kommt es zum Hartspann in der unteren LWS Muskulatur durch die vorgebeugte statische Haltung des Oberkörpers. Beim Chippen (kurze Schläge um das Grün) ist durch die nach rechts abgekippte Haltung der M.quadriceps lumborum auf Dauerkontraktion. Bei den langen Schlägen (Eisen 4 /3, Fairwayhölzer und Driver) bewirkt die Dynamik im Ab/-Durchschwung und im Finish (Ende der Bremsphase) bei zu intensiven Training eine Reizung der Fascia thoracolumbalis.

Es ist bei den jugendlichen, hoch motivierten Golfspielern darauf zu achten, die einzelnen Übungseinheiten aufzusplitten in kurzzeitige Trainingseinheiten, z.B. Putten und Chippen ca. 10 bis 15 Minuten, Schläge auf der Driving Range (Übungsanlage) mit den verschiedenen Eisen (beginnend mit Eisen 9 bis zu den Hölzern) und Bälle schlagen. Auf diese wechselnden Übungssequenzen ist besonders bei unseren älteren Patienten zu achten, indem in der Zeit der Übungssequenzen individuelle deutliche Abstriche zu machen sind von den oben genannten Beispielen für jugendliche Golfspieler.
Physiotherapeut und Golflehrer können durch einfache Technikumstellung im Golfschwung dem Patienten Erleichterung verschaffen. Ein kleiner Ausschnitt der Möglichkeiten von Entlastungsbeispielen der LWS im Golfschwung:

• beim Setup (Ansprechposition des Balles) wird ein etwas engerer Stand als normal (die Schulterbreite) eingenommen
• ein offener Stand erleichtert die Hüftdrehung
• beim Aufschwung wird die linke Ferse angehoben, beim Durchschwung wird der linke Vorfuß auf der Ferse zum Ziel gedreht; so werden Scherkräfte auf Hüfte und LWS entschärft.

Daß diese aufgezeigten Entlastungsbeispiele Step bei Step vom Physiotherapeuten und Golflehrer gemeinsam mit sehr viel Mühe durch den Patienten eingeübt werden müssen, ist selbstverständlich. Die Erfahrung zeigt, wie schwer es ist, eingefahrene Bewegungsmuster umzustellen. Außerdem ist zu bedenken, dass unser überwiegendes Golfpatienten-Klientel im Durchschnitt ca. 50 Jahre alt ist.

3D-Golfpowerübungen mit dem Theraband und golfspezifische propriozeptive Übungen

Welche Übungen sind allgemein bei Rückenbeschwerden präventiv, aber auch gleichermaßen bei der golfspezifischen Rehabilitation durchzuführen? Hierbei ist golfspezifisch besonders auf die Stärkung des M.oblliquus internus / externus abdominis, M. transversus abdominis, M. quadratus lumborum, Mn. Intertransversarii lumborum, Mn. longissimus thoracis und M. multifidii zu achten. Hierzu zwei Übungsbeispiele für den golfspezifischen Bewegungsablauf:

Diese Übung fördert die Rumpfrotation und das Timing (harmonischer zeitlicher Ablauf des Golfschwungs) und verhindert ein zu starkes Shiften (seitliches Kippen des Beckens), was zu einer Verminderung der Scherbelastung auf Hüfte und LWS führt.

Die nächste Übung fördert die Gewichtsverlagerung während der Auf- und Durchschwungphase; eine ruckartige Bewegung wird verhindert, was zu einer Verbesserung der Körperbalance im Golfschwung führt. Mit dem propriozeptiven Training soll die Koordination, Gleichgewichts- und Reaktionsfähigkeit geschult werden. Es gibt auf den Golfsport ausgerichtete propriozeptive Übungen, die von Probanten jeglichen Alters dosiert ausgeführt werden können. Gleichzeitig mit diesen Übungen können gezielte Entlastungsbewegungen bei den Golfschwungsequenzen beübt werden. Ziel je nach Alter, Motivation und körperlichen Handicaps: Verbesserung der Tiefensensibilität und reflektorische Muskelaktivität sowie Wiederherstellung und Stabilisierung von Gelenksstellungen. Das Prinzip der Gesundheits- und Entwicklungsförderung muss Vorrang haben. Um golfspezifische Übungen in der hysiotherapie-Praxis effizient ausführen zu können, ist kein zusätzliches Equipment erforderlich. Es sind die vorhandenen Übungsutensilien einer normal ausgestatteten Physiotherapie-Praxis ausreichend.

Fazit / Ausblick / Entwicklung

Wegen der starken Zunahme Golf spielender Menschen in allen Alterstufen bedarf es einer permanenten Weiterentwicklung sowohl der präventiven Maßnahmen als auch der notwendigen Behandlungsmethoden.

Ebenso ist ein Wissenstransfer aus Medizin und Biomechanik notwendig. Die genannten Problemfelder erfordern eine intensive Zusammenarbeit interessierter Mediziner, Physiotherapeuten und Golflehrer.