Die Evolution des Menschen mit ihren Wurzeln der Massage

| Prof. Dr. med. Hans-Dieter Hentschel

Jede wahre Geschichte ist Gegenwartsgeschichte, weil es das lebendige Interesse an der Gegenwart ist, das den Menschen dazu bringt, die Vergangenheit zu befragen. (Benedetto Croce)

Einleitung

Wie ist eigentlich die Massage entstanden? Diese Frage dürften viele Ärzte, Physiotherapeuten und Masseure, die diese Behandlungsweise anwenden, sich wohl schon einmal gestellt haben. Wer sich dann darüber in der wissenschaftlichen Massageliteratur informieren wollte, wird sein Vorhaben aber bald enttäuscht abgebrochen haben, weil er darin kaum irgendwelche aussagekräftige Angaben zu diesem Thema auffinden konnte. An sich ist dies jedoch keineswegs verwunderlich, werden doch im medizinischen Massageschrifttum im wesentlichen nur historisch nachgewiesene oder physiotherapeutisch belegte Tatsachen angeführt. Dagegen müssen die in Frage stehenden Wurzeln der Massage in Arbeiten über die Evolution des Menschen gesucht werden, in denen die Entwicklung seiner körperlichen, geistigen und schöpferischen Fähigkeiten dargestellt wird, man denke beispielsweise an die für die Durchführung der Massage so wichtige Herausbildung der menschlichen Hand. Wie sich bei einem gründlichen Studium dieser Literatur jedoch ergibt, ist darin das Vorfeld der Massage bisher nur ganz unzulänglich berücksichtigt worden. Trotz dieses Mangels oder gerade deswegen sei hiermit der Versuch gewagt, die wesentlichen Wurzeln für die Entstehung der Massage in der Evolution des Menschen aufzufinden, wenn dabei auch deutlich wird, daß unser Wissen auf diesem Gebiet manchmal nur unvollkommen ist oder zu einem geringen Teil noch auf Hypothesen beruht. Dennoch scheint mir mein Vorhaben lohnenswert. Der große Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) wie auch der hervorragende Medizinhistoriker Henry E. Sigerist (1891-1957) haben wiederholt betont, wie wichtig es ist, bei einem bisher nicht erfaßten Gebiet "stets mit den Anfängen zu beginnen". Daher darf ich hoffen, mit dieser Studie dem Wesen der weltweit verbreiteten Massagebehandlung etwas näher zu kommen und Anregungen zu weiterführenden Arbeiten sowie auch zur Kritik zu geben.

Vom Menschenaffen zum Vormenschen

Vor allem auf Grund molekulargenetischer Untersuchungen vertritt die Paläoanthropologie, die Wissenschaft vom frühen Menschen, nahezu einhellig die Meinung, daß die Entwicklung zum Vormenschen in Afrika erfolgte. Vor etwa 8 Millionen Jahren begannen die dort lebenden höheren Affenarten, sich einerseits zu Menschenaffen (Pongiden) und andererseits zu Vormenschen (Hominiden) zu entwickeln.

Mittlerweile hat man eine ganze Zahl von Fossilien solcher Vormenschen aufgefunden, die - nach einigen Vorgängern - der seit etwa 4 Millionen Jahren existierenden Stammgruppe der Australopithecinen zugerechnet werden. Sie ähnelten in vielen Zügen noch ihren äffischen Vorfahren, waren dunkelhäutig und körperlich robust, wurden bis zu etwa 150 cm groß, wogen um 50 kg und wurden um 20 Jahre alt. Wie die Innenausgüsse ihrer Schädelkapseln erweisen, betrug ihr Hirnvolumen etwa 400-500 cm3 und entsprach somit etwa dem der Menschenaffen. Von diesen haben sie auch die Gewohnheit des Fellkraulens übernommen, das nach verschiedenen humanethologischen Erkenntnissen weit mehr als eine Haut und Haar reinigende Prozedur ist, sondern wegen des damit verbundenen engen Körperkontaktes mit vielen taktilen Reizen der Kommunikation und Bindung zwischen bestimmten Mitgliedern einer Gemeinschaft dient und daher auch als "Soziale Körperpflege" bezeichnet wird. Vorausschauend sei angeführt, daß diese Gewohnheit noch heute bei einigen Naturvölkern beobachtet werden kann und in der letzten Zeit bei wissenschaftlichen Studien mit Studenten nach einer Eingewöhnungsphase von diesen vielfach als angenehm empfunden wurde, was auf die tiefe stammesgeschichtliche Verwurzelung hinweisen dürfte.

Da das Klima im tropischen Regenwald, dem Lebensraum der Australopithecinen, immer trockener wurde, bildete sich an dessen Stelle eine Grassavanne mit nur einzelnen Bäumen heraus. Dieser Vorgang dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, daß die affenähnlichen Australopitecinen vor mehreren Millionen Jahren ihre schwingend-hangelnde Lebensweise in den Bäumen aufgaben und sich in zunehmendem Maße auf dem Boden der Savanne zweibeinig aufrecht fortbewegten; dies geht auch aus einigen aus diesem Zeitraum erhaltenen Fußabdrücken klar hervor. Durch die so gewonnene aufrechte Körperhaltung waren sie dann nicht nur imstande, mit ihren Augen selbst entfernte Gefahren wahrzunehmen, sondern dürften auch einen Anstoß zur Weiterentwicklung des Gehirns erfahren haben. Seit einiger Zeit wird diese "Savanna-Theorie" von einigen Päläoanthropologen jedoch angezweifelt. Sie meinen, daß die Australopithecinen die nahe gelegenen Wasserläufe oder Seen in aufrechter Körperhaltung durchwaten mußten, um sich dabei bisweilen zu bücken und die im Wasser reichlich vorhandene Nahrung in Form von Muscheln und Schnecken aufzusammeln. Dieser Ansicht stehen allerdings verschieden gewichtige Argumente entgegen. So hat es dort in dem betreffenden Zeitraum insgesamt nur recht wenige Gewässer gegeben, in denen die zur Nahrung des Menschen großen Mengen von Wassertieren einfach nicht vorhanden gewesen sein konnten. Ferner dürfte die damals bereits erfolgte Reduktion des Felles und die große Dichte an Schweißdrüsen auf der gesamten Körperoberfläche überhaupt nicht mit dem häufigen Aufenthalt im Wasser zusammengepaßt haben.

Die Australopithecinen lebten in kleinen Gruppen und vermochten sich durch Gesten und vielleicht auch durch bestimmte Affektlaute zu verständigen. Wie die Form ihrer Zähne zeigt, lebten sie hauptsächlich von Pflanzen und Früchten, haben aber auch Kleintiere und gerissenes Wild verzehrt. Wahrscheinlich haben sie bereits Steine oder Knochen als primitive Werkzeuge gebraucht. Mit Sicherheit dürften die Vormenschen genau so wie ihre tierischen Vorgänger auf den ihnen zugefügten Schmerzreiz durch einen eingedrungenen Dorn genauso wie auf den Schmerz durch einen heftigen Stoß "instinktiv", d.h. mit rein reflektorischen, auf den Schmerzbereich gerichteten drückenden und reibenden Maßnahmen reagiert habe.

Vom Vormenschen zum Homo erectus

Aus der den Australopithecinen folgenden Zeit, die vor etwa 2 Millionen Jahren begann, gibt es bisher nur wenige Fossilienfunde. Immerhin weiß man, daß bei dem damals vor allem in Afrika lebenden Homo habilis ("Fähiger Mensch") wie auch dem etwa gleichzeitig lebenden Homo rudolfensis das Hirnvolumen deutlich größer geworden war, daß beide bereits primitive Steinwerkzeuge herstellten und bei ihnen auch einige andere Evolutionsschritte einsetzten. Dementsprechend werden sie bereits einhellig der Gattung Mensch (Homo) zugeordnet. Aus dem Homo rudolfensis entwickelte sich wenig später der Homo ergaster ("Handwerker"), der von der Forschung zumeist als eine Frühform des Homo erectus angesehen wird. 

Der Homo erectus war von kräftigem Körperbau, seine Körperlänge betrug etwa 165 cm, das Körpergewicht lag bei 50 kg. Die Behaarung war gegenüber der seiner Vorgänger deutlich zurückgegangen. Das Hirnvolumen war auf 800-1000 cm3 angewachsen, der Schädel relativ flach und nach hinten ausladend, die Überaugenwülste recht betont. Die gegenüber den Australopithecinen kürzer gewordenen Arme hatte ihre Greiffunktion zwar beibehalten, aber die anatomisch etwas umgestalteten Hände und der deutlich länger gewordenen Daumen führten dazu, daß dieser gegenüber allen anderen Fingern in Opposition gebracht werden konnte. Dadurch war der Homo erectus mühelos imstande, selbst kleinere Gegenstände präzise und fest zu fassen, und seine Hände zu den verschiedensten Tätigkeiten zu gebrauchen. Da die Arme nunmehr beim Gehen frei waren, konnten sie zum Tragen eines kleinen Kindes oder geringer Lasten gebraucht werden. Auch die Beine hatten deutliche Veränderungen erfahren; sie waren länger geworden und der Fuß hatte eine gestreckte, zum Gehen vorzüglich geeignete Form angenommen, der sich auch die Großzehe eingereiht hatte.

Wenn sich das Volumen des Gehirns auch deutlich vergrößert hatte, so war dessen Gefäßversorgung recht spärlich geblieben. Immerhin war der Homo erectus bereits imstande, bestimmte Vorstellungen zu entwickeln und Gedächtnisinhalte zu speichern. Damit wurde auch die zu Greifbewegungen und Tastempfindungen erforderliche Koordination von Auge, Hand und einigen Abschnitten des Nervensystems erheblich verbessert. Dementsprechend pflegte er auf einen Schmerzreiz nicht mehr rein instinktiv zu reagieren, sondern ging daran, die betreffende Körperstelle kräftig zu drücken und zu kneten, um durch diesen schmerzhaften "Gegenreiz eine nach seiner Erfahrung häufig eintretende Schmerzlinderung zu bewirken. Falls erforderlich konnte er mit seiner noch recht primitiven, von Gesten begleiteten Lautsprache auch einen Gefährten um derartige Manipulationen bitten. Die dazu erforderliche Kommunikation könnte ihm trotz der unvollkommenen anatomischen Ausbildung seiner Atemwege vielleicht bereits möglich gewesen sein, zumal Schädelausgüsse darauf hinzudeuten scheinen, dass bei ihm die für die Sprache verantwortlichen Hirnregionen - wenngleich wenig ausgeprägt - bereits vorhanden waren. Diese Entwicklung zeigte sich auch in einem vielfältigen Anstieg seiner kulturellen Evolution. So war der Homo erectus bereits imstande, Steinwerkzeuge in Form von Klingen und Faustkeilen herzustellen, diese zu einer gezielten Jagd zu benutzen und das Feuer zur Bereitung seiner überwiegend aus Fleisch bestehenden Nahrung zu nutzen.

Trotz aller eingeschränkten Verständigungsmöglichkeiten gelang es einzelnen Gruppen des Homo erectus durch weite, sich über Jahrtausende hinziehende Wanderungswellen ihren Lebensraum bis in subtropische und gemäßigte Klimazonen Nordchinas, Südostasiens und Europas auszudehnen. Allerdings hat sich dabei die einfache Kulturstufe des Homo erectus nirgendwo deutlich angehoben.

Die Epoche des Neandertalers

Nach dem Homo erectus hat der von ihm abstammende Neandertaler in der langen Zeitspanne von 250 000 bis 30 000 vor unserer Zeitrechnung - von Afrika ausgehend - viele Teile der Erde besiedelt. Er wird heute von den meisten Wissenschaftlern als eine eigene Menschenart, als Homo neander-thalensis bezeichnet. Bereits seine Frühformen, wie der Homo ergaster und der Homo heidelbergensis wiesen in der Gestaltung ihres ziemlich großen Schädels, der fliehenden Stirn, der im Verhältnis zum Gesicht recht großen Nase, deutlichen Überaugenwülsten und dem kräftigen Unterkiefer viele für den "klassischen" Neandertaler charakteristische Züge auf, der diesen Namen nach dem Fundort seiner 1856 unweit von Düsseldorf entdeckten Fossilien trägt. 

Die Neandertaler waren stämmig und widerstandsfähig, hatten ausgesprochen harte und kräftige Knochen, das Kinn war nur schwach ausgebildet. Ihre Körperlänge betrug etwa 160 cm, das durchschnittliche Körpergewicht lag um 75 kg. Zumindest bei denen, die in der subpolaren Tundra Europas und Asiens lebten, dürfte eine Aufhellung ihrer Haut, eine Depigmentation, eingetreten sein. Das Gehirnvolumen des Neandertalers übertraf mit etwa 1500 cm3 das des Homo erectus deutlich und war damit bisweilen sogar etwas größer als das des modernen Menschen, wenn auch in seiner Struktur geringer differenziert. Doch war der Neandertaler bereits zu einem prälogisch-abstrakten Denken fähig, versuchte die Naturumwelt mit Hilfe von kultischen Handlungen zu bewältigen und vermochte seine Gedanken durch eine wohl noch etwas unartikulierte, durch Gesten und Mienenspiel unterstützte Sprache deutlich mitzuteilen. Wie es scheint, hat der Neandertaler auf Schmerzen nicht mehr wie seine stammesgeschichtlichen Vorfahren auf Schmerzen reflektorisch reagiert, sondern diese gezielt und im Sinne seiner magisch geprägten Gedankenwelt mit schlagenden und reibenden Manipulationen auszutreiben gesucht, wie man dies auch aus der entsprechenden, zentrifugal gerichteten Massageweise einiger uns bis in die Gegenwart erhaltener Naturvölker ableiten könnte.

Die Menschen der Neandertalerzeit haben sich an die in ihrer Epoche wiederholt herrschenden eiszeitlichen Klimaperioden (Glaziale), in denen die Temperaturen jeweils um mehrere Grade zurück ging, stets gut anzupassen gewußt und trugen nötigenfalls eine wärmende Fellkleidung. Die lebenswichtige Jagd erfolgte in Gruppen, wobei die mit Wurfspeeren oder mit Pfeil und Bogen erlegte Beute vor allem aus dem hochwertigen fett- und energiereichen Fleisch von Mammut, Wollnashorn und Elch bestand. Während es für den im Schrifttum oft vermuteten Nahrungskannibalismus keine eindeutigen Hinweise gibt, scheint ein im Rahmen von Totenriten erfolgter Verzehr einzelner Organe des Verstorbenen eine gewisse Bedeutung gehabt zu haben.

Die Neandertaler lebten in Gemeinschaften von etwa 50 Menschen, sei es in Wohnhöhlen, Zeltgebilden oder aus Tierknochen und Holz errichteten, mit Fellen bedeckten Hütten. Sie verstanden das Feuer vielfältig zu nutzen und vermochten in ihrem dem Moustérien zugehörigen Kulturabschnitt etwas feiner bearbeitete Steinwerkzeuge als ihre Vorgänger anzufertigen. 

Mithin läßt sich insgesamt ein Anstieg ihrer kulturellen Evolution erkennen. Ihren Körper scheinen sie für kultische Gelegenheiten mit rot- oder schwarzfarbigen Mustern bemalt zu haben, dazu trugen sie Schmuck aus durchbohrten Tierzähnen oder Knochen. Die Neandertaler wurden selten älter als 40 Jahre, sie pflegten ihre Kranken und Verletzten. Verschiedentlich aufgefundene Grabbeigaben lassen darauf schließen, daß sie Verstorbene betrauert und mithin über die Zeit nach dem Tode nachgedacht haben.

Bisher gibt es nur einige Vermutungen, weshalb die Epoche des Neandertalers vor etwa 30 000 Jahren ein Ende fand. Manche sehen die Ursache dafür in der damals zu Ende gehenden Eiszeit, die zu einem Vordringen der Wälder und damit zu einem Schwinden der Grastundra mit ihrem für die Ernährung des Neandertalers unentbehrlichen Reichtum an Großtieren führte. Daneben ist die Meinung verbreitet, daß für den Rückgang und das schließliche Verschwinden des Neandertalers eine seit mehr als 100 000 Jahren einsetzende Einwanderungswelle des Homo sapiens verantwortlich gewesen ist. Wenn dieser auch eine Zeitlang etwa das gleiche Gebiet wie der Neandertaler und ohne deutliche Vermischung mit ihm bewohnt hat, dürfte der Homo sapiens mit seinem höheren sozialen, technischen und kulturellen Niveau sowie seiner voll entwickelten Sprache den Neandertaler allmählich in ungünstigere Lebensräume abgedrängt haben, wo er schließlich ausgestorben ist.