Wenn der Nacken schmerzt ...

| Dr. med. Sabine Bleuel, FÄ für Orthopädie und Unfallchirurgie, FDM Practitioner, Sportmedizin, Hand- und Fußchirurgie

Das HWS-Syndrom – Therapie nach dem Fasziendistorsionsmodell n. Typaldos


Quelle: Physiotherapie in Theorie und Praxis, Nr. 05 Mai 2015

Die Wirbelsäule ist ein komplexes dreidimentionales System, deren knöcherne Strukturen, Bandscheiben, Bandverbindungen und Muskeln die Grundlage für hohe Beweglichkeit und Kraftübertragung sind. Umgeben und durchflochten bis in jede einzelne Muskelfaser wird die Wirbelsäule von Fasziengewebe.

Dem Organ Faszie wurde bisher wenig Beachtung geschenkt, obwohl wir aus Forschungs­untersuchungen von Dr. biol. hum. Robert Schleip wissen, dass wir das Gewebe deutlich unterschätzt haben. Myofasziale Ketten durchweben den Körper. Ein Zusammenspiel dieser Ketten bildet das Gesamtgerüst des Fasziensystems und ist in sich eine geschlossene stabile Einheit.

Die tägliche Konfrontation mit dem Krankheitsbild des „Nackenschmerzes“ mit ihren klassischen „Myogelosen“ läßt durch das Wissen um das Organ Bindegewebe die Beschwerden mit anderen Augen interpretieren und therapieren.

Ein neues Verfahren der Diagnostik und Therapie ist das Fasziendistorsionsmodell nach Stephen Typaldos. Es wird davon ausgegangen, dass die häufigsten Erkrankungen des Bewegungsapparates auf eine Pathologie des Bindegewebes zurückzuführen sind. Untersuchungen von Dr. biol. hum. Robert Schleip zeigen, dass bei Applikation von NaCl in das Fasziengewebe der Rückenfaszie die typischen großflächige Rückenschmerzen auszulösen sind.

In dem Fasziendistorsionsmodell nach Typaldos wird anhand der Körpersprache des Patienten die Diagnostk erstellt und 6 verschiedenen Distorsionen der Faszien zugeordnet und entsprechend therapiert. Hierbei kommt es zu einer erstaunlich schnellen Schmerzlinderung und Bewegungsverbessung bzw. -freiheit innerhalb der ersten bis dritten Behandlung gemäß des Zitates von Taylor Still: „Find it, fix it, leave it alone“.

Der folgende Artikel stellt das Fasziendistorsionsmodell vor und im speziellen die Therapie an der Halswirbelsäule.

Diagnostik und Therapie an der HWS

Was ist FDM?
Mit dem Fasziendistorsionsmodell öffnen wir uns einer neuen Art der Diagnostik und Therapieform. Die Körpersprache des Patienten steht hier im Mittelpunkt. „FDM“ steht für F: Fascia (lat.: das Bündel), medizinisch eine bindegewebige Hülle, D: für Distorsion und M: für Modell, d.h. zweckmäßige Betrachtung der Wirklichkeit.

Das Fasziendistorsionsmodell erfreut sich wachsender Popularität mit verblüffend schneller Verbesserung von Schmerzstö­rungen des Bewegungsapparates, didaktischer Klarheit des Konzepts und einfacher Diagnostik anhand der Körpersprache des Patienten in Form verbaler und nonverbaler Schmerzbeschreibungen sowie ausführlicher Anamnese des Unfallhergangs bzw. Beschwerdemusters. Indikationen sind Veränderungen des Fasziensystems, die durch funktionelle Dysfunktionen, Bewegungsmangel, Fehlstatik, Überlastung bzw. einseitige Belastung, Unfällen etc. auftreten.

Entwickelt hat dieses Verfahren der Schulmediziner Stephen Typaldos (1957-2006). Er war Arzt für Notfallmedizin, Sportmedizin und Osteopath. 1991 fiel ihm auf, dass Patienten häufig die gleiche Körpersprache verwendeten.

Die Störung, so begründet es Typaldos, obliegt einer Faszienirritation. Erkrankungen des Bewegungsapparats werden auf eine fasziale Pathologie zurückgeführt.

Faszien existieren überall in unserem Körper. Sie umgeben, trennen, verbinden, schützen, isolieren und bilden Puffer für Organe, Knochen, Nerven, Muskeln, Gefäße etc. Bekannt ist, dass Muskeln über die Sehnen und myofasziale Vernetzungen ihre Zugkraft ausüben. Faszien besitzen Myofibroblasten, die sich aktiv kontrahieren können; ein eigenes Gefässnervengeflecht durchwebt das Fasziensystem. Neben der Propriozeption spielt die Koordination der motorischen Bewegungen und die Muskelkontraktion eine wichtige Rolle (Abb. 1).

In der FDM-Diagnostik werden 6 Distorsionen unterschieden: Triggerband, Hernierter Triggerpunkt (HTP), Continuumdistorsion (CD), Faltdistorsion, Zylinderdistorsion und Tektonische Fixierung (Tab. 1). Eine Erkrankung des Bewegungsapparats lässt sich als eine oder mehrere Distorsionen darstellen.

Triggerband Irritiertes Faszienband (akut, chronisch, kalzifiziert)
Hernierter Triggerpunkt AbnormaleHernierung vonGewebe durch die Faszienschicht
Continuumdistorsion Veränderung der Übergangszone zwischen Ligament, Sehne und Knochen
Faltdistorsion Dreidimensionale Veränderung der Faszienebene
Zylinderdistorsion Überlappung der zylindrischen Spiralwindungen der Faszien
Tektonische Fixierung Veränderung der Gleitfähigkeit der Faszienoberflächen


Das Krankheitsbid der myofaszialen HWS-Beschwerden aus Sicht des Fasziendistorsionsmodells
Beschrieben werden verbal und gestisch ziehende bandförmige Schmerzen bis in den Hinterkopf ausstrahlend das sogenannte Triggerband, schmerzhafte Punkte meist occipital und am medialen Scapularand (Continuumdistorsion/CD), lokalen dumpfen Schmerz in Höhe des M. trapezius (HTP) mit knetenden Fingerbewegungen am Vorderrand des Muskels, flächige diffuse Schmerzen (Zylinder) oder tief sitzende Schmerzen im Gelenk (Faltdistorsion). Meist ist die Körpersprache an der HWS symmetrisch.

Das Triggerband (TB)
Eine Triggerbanddistorsion entsteht durch Rotationskräfte mit Verdrehung oder Scherkräfte mit Aufspaltung/Zerreissung der parallel verlaufenden Faszienstrukturen. Diese sind durch sogenannte Crosslinks quervernetzt und können unter mangelnder Bewegung miteinander verkleben. Kommt es zu einer Einlagerung von Calcium in den Faszien, sprechen wir von einem calcifizitierten Triggerband.

Unterschieden werden 4 unterschiedliche Typen:
1. verdrehtes TB
2. aufgespaltenes TB
3. verklebtes TB
4. calcifiziertes TB

Therapeutisch wird bei einer Triggerbanddistorsion mit dem Daumen entsprechend der Klinik mit gleichmäßig festem Druck bandförmig ausgestrichen unter der Vorstellung, dass gespaltene bzw. verdrehte, verklebte Faszienband zu glätten, Calcium herauszulösen und die Faszienspannungen zu lösen (Abb. a–c).

Die Continuumdistorsion (CD):
Eine Continuumdistorsion definierte Stephen Typaldos als Störung der Übergangszone von Faszie an Knochen, welche sich durch einen punktuellen Schmerz äussert. Die Übergangszone liegt zwischen Sehnen- und Bänderansätzen am Knochen und hat die Fähigkeit, strukturell auf externe Kräfte zu reagieren und als Stoßdämpfer zu fungieren durch entsprechend vorgespannte elastische Fasern, die sich der Belastung anzupassen vermögen.

Bei unidirektionaler Kraft, z.B. Kompression, werden knöcherne Anteile in die Übergangszone geschoben. Dadurch kommt es zur Stabilisierung des Gelenks. Bei multidirektionalen Kräften ermöglicht die Varianz der Übergangszone eine erhöhte Flexibilität der Sehne.

Distorsionen treten dann auf, wenn ein Teil der Übergangszone uni- und der andere multidirektionalen Kräften ausgesetzt wird.Durch Anamnese, Palpation des schmerzhaftesten Punktes, mit teilweise zu tastender Rauheit des Gewebes (vgl. Spitze eines Reiskorns), wird die Diagnose ermittelt. Die Behandlung erfolgt durch kontinuierlichen Daumendruck auf die CD mit der Intention, die Übergangszone zurückzudrücken (ca. 20-30s) bis zur Angabe der Schmerzbefreiung. Hierdurch erfährt der Patient eine sofortige Besserung der Beschwerden. Die Beweglichkeit nimmt sofort zu. Eine Ruhigstellung sollte nicht erfolgen.

Hernierter Triggerpunkt (HTP):
Definition: In der Modellvorstellung von Stephen Typaldos entspricht die Protrusion von Gewebe aus einer tieferen Gewebeschicht an Orten des Druckgefälles wie Lunge und Abdomen durch die darübergelegene Faszienschicht einem Hernierten Triggerpunkt (HTP).

In der Körpersprache äussert sich die Distorsion in einem dumpfen lokalen Schmerz, welcher durch knetende Bewegungen mit mehreren Fingern angezeigt wird.

Palpatorisch handelt es sich um eine Verdickung unterschiedlicher Größe am Vorderrand des M. trapezius (Hernia cervicalis medialis) oder lateral angrenzend an das Acromion und Scapularand (Hernia cervicalis lateralis).

Therapie:
Ziel sollte die vollständige Reponierung des Gewebes sowie Schliessung der Bruchpforte sein, was über einen leicht „melkenden“ Druck mit dem Daumen erreicht wird.

Faltdistorsion:
Zur Sicherstellung eines guten Bewegungsaussmasses und Stoßdämperwirkung der Gelenke existiert die Faszienstruktur in faltenartiger Anordnung. Störungen durch eine Kompression oder Traktion in Kombination mit einer Rotation wie zum Beispiel durch ein Trauma führen zu Beschwerden „tief im Gelenk“.

Durch Provokation des Gelenkes mitttels Kompression und Traktion erfolgt die Diagnostik. Die Körpersprache beschreibt eine Kugel um das Gelenk. Schmerzen bei Traktion und Schmerzfreiheit bei Kompression werden mit einem Manipulationsthrust unter maximaler Kompression therapiert. Es handelt sich um eine Einfaltdistorsion. Eine Entfaltdistorsion wird unter Traktion und Thrust gelöst. Eine Faltbehandlung sollte keine Schmerzen verursachen. Ein dumpfer Schmerz im Gelenk sprichtfür eine Faltdistorsion.

Zylinder
Nicht nur die tiefen Faszienstrukturen irritieren, sondern auch die oberflächlich direkt subcutan spiralig angeordneten, die den gesamten Körper durchweben und in ihrer Gesamtfunktion als Stoßdämpfer der Muskulatur fungieren. Störungen durch Verhaken der zirkulären Spiralwindungen werden als Zylinder­distorsion definiert. Die Körpersprache zeigt ein flächiges Bestreichen der veränderten Region mit Angabe von Kribbeln, Missempfindungen, Krämpfen, Taubheit und springenden Schmerzen. Auslöser können Narben, mangelnde Bewegung mit Anwendung von Dauerwärme, Ruhigstellungen, Schonhaltungen und sogar eine Faszientherapie sein, da primär in der tiefen Faszienebene therapiert wird. Aus diesem Grund schliesst jede Faszientherapie mit einer Zylinderbehandlung ab. Therapiert wird flächig manuell oder mit Hilfsmitteln von cranial nach caudal, um die Spiralwindungen zu enddrehen.

Tektonische Fixierung
Bei dieser Distorsion handelt es sich um die Einsteifung, Verhärtung der gefalteten Faszienstruktur um ein Gelenk herum wie klassischerweise das Krankheitsbild der frozen shoulder. Das Fasziendistorsionsmodell bietet hier verschiedene Mobilisationstechniken, um das verkalzifizierte Fasziengewebe zu stimulieren. Die Tektonik ist die einzige Distorsion, bei der während der Behandlung mit Wärme gearbeitet wird.

Zusammenfassung
Das Fasziendistorsionsmodell nach Typaldos bietet eine neue Betrachtungsweise bekannter Krankheitsbilder durch Interpretation der verbalen und gestischen Körpersprache und Zuordnung zu 6 verschiedenen Distorsionsmustern, die entsprechend umgesetzt werden. Therapiert werden bei der ersten Behandlung die schmerzhaften Distorsionen wie TB, CD und HTP.

Bei Vorliegen einer Faltdistorsion sollte nach Therapie einer evertierten Continuumdistorsion 24 Stunden abgewartet werden, da ansonsten die Gefahr besteht, die korrigierte Übergangszone wieder herauszuziehen.

Eine FDM-Behandlung schliesst mit einer Zylindertechnik ab. Wärme ist nicht gewünscht, ausser zur Mobilisation verklebter Faszienstrukturen um das Gelenk (Tektonik). Wichtig ist eine anschließende frühfunktionelle Behandlung.

Fazit für die Praxis

Das Fasziendistorsionsmodell nach Typaldos bietet einen Ansatz zur konservativen Therapie am Bewegungsapparat. Bei korrekt angewendeter Technik führt es zu einer verblüffend schnellen Beschwerdelinderung bzw. -freiheit. Ein Verfahren mit didaktischer Klarheit des Konzepts der sechs faszialen Distorsionen, angelehnt an die sprachliche und gestische Schmerzbeschreibung des Patienten.

Endgültige wissenschaftliche Untersuchungen stehen noch aus. Erste Ansätze zeigen Untersuchungen von Herrn Robert Schleip, dass das Organ Faszie in den meisten Fällen die Ursache der Beschwerden des Bewegungsapparates insbesondere des „Rückenschmerzes“ ist

In diesem Sinne:
„Muscles don’t matter – think Fascia!“ Stephen Typaldos D.O. 1957-2006

Schlüsselwörter
Fasziendistorsionsmodell (FDM)
HWS Beschwerden
Triggerband
Continuumdistorsion

Danksagung
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Frank Römer für seine fachliche Unterstützung und der zur Verfügungstellung der Fotos aus seinem Lehrbuch „Praktisches Lehrbuch zum Fasziendistorsionsmodell“.

Interessenkonflikt
Die korrespondierende Autorin gibt an, dass sie Dozentin der IFDMO ist.

Literatur

Frank Römer 2. Auflage (2014) Praktisches Lehrbuch zum Faszien Distorsions Modell Stephen Typaldos, D.o., vierte Ausgabe (2002); FaszienDistorsionsModell; Typaldos S (1999) Orthopathische Medizin: die Verbindung von Orthopädie und Osteopathie durch das Fasziendistorsionsmodell. Verlag für Ganzheitliche Medizin Dr. E. Wühr, Bad Kötzting R. Schleip; Th W. Findley, L. Chaitow; P.A: Huijing (2012); The tensional network oft he human body R. Schleip (18. Ausgabe 2014) Lehrbuch Faszien: Grundlagen, Forschung, Behandlung Th. W. Meyers (2. Auflage 2010) anatomy trains. Myofasziale Leitbahnen P.Schwind (2014) Faszien-Gewebe des Lebens: Das geheimnisvolle Netzwerk des Körpers und seine Bedeutung dür unsere Gesundheit S. Paoletti (2011) Faszien

a) Intaktes Fasziennetzwerk
b) Defekt in Formeines Triggerbandes
c) Therapie des Triggerbandesmit demDaumen
Abb: CD occiput
Abb: Star Triggerband
Abb: CDmedialer Scapularand
Abb: Körpersprache HTPmedial
Abb:medialer HTP
Abb: Faltdistorsion HWS
Abb: Tektonik HWS