Therapie | Straight-Leg-Raise-Test

| Raymond Binder

Assessments sind objektive standardisierte Testverfahren, mit denen sich in der Physiotherapie die Situation des Patienten beurteilen lässt. Sie liefern Hinweise für die Optimierung und weitere Therapieplanung. Die AG Akademisierung stellt im VPTMAGAZIN valide Tests steckbriefartig vor.

Valider Test zur Beurteilung lumbaler Rückenbeschwerden
Der Straight-Leg Raise Test (SLR), auch als Lasègue-Zeichen bezeichnet, ist ein Test nach dem französischen Internisten Ernest-Charles Lasègue (1816-1883). Es handelt sich dabei um ein klinisches Zeichen, das im Rahmen einer neurologischen Untersuchung überprüft wird. Es ist ein valider Indikator, um das Ausmaß von Beeinträchtigungen durch Kreuzschmerzen festzustellen [1].
Die Intra- und Interobserver Reliabilität wird in der Literatur kontrovers diskutiert [2]. Allgemein lässt sich zusammenfassen, dass der SLR über eine gute Sensitivität und eine weniger gute Spezifität verfügt [3]. Capra et al. (2011) hatten, im Gegensatz zur Mehrheit der Studienlage, eine hohe Spezifität und eine geringe Sensitivität bei der SLR-Testung herausgefunden [4].

Reminder
- Spezifität: Wahrscheinlichkeit, mit einem diagnostischen Test Nicht-Erkrankte korrekt zu identifizieren.
- Sensitivität: Wahrscheinlichkeit, mit einem diagnostischen Test die Kranken auch als krank zu identifizieren.

Die Validität des SLR konnte in der Studie von Boyd (2012) als exzellent bewertet werden (etwa 2°), jedoch wurde dieser nur bei gesunden Probanden durchgeführt [2]. Trotz allem kann nicht verallgemeinert werden, was der SLR aussagen soll bzw. was er testet. Er testet im Prinzip eine neurale Struktur. Was aber letztendlich die neurale Struktur genau einengt, wie beispielsweise Tumore, Osteophyten und Bandscheibe, kann nicht gesagt werden [5].

Die klinische Relevanz des SLR sagt aus, wie schon Capra et al. (2011) zeigten, dass bei jungen Probanden eine hohe Aussagekraft bezüglich der SLR-Testung besteht. Des Weiteren können Kosten bei MRT-Untersuchungen eingespart und stattdessen kann ein SLR durchgeführt werden, um eine Neurologie, welche beispielsweise durch Bandscheibenprotrusionen oder -vorfälle hervorgerufen werden kann, ein- bzw. auszuschließen. Es muss dennoch hinzugefügt werden, dass der SLR keine genaue Diagnose liefert (Nervenwurzelkompression, Schäden an Strukturen und Bändern, Nervenwurzelödem, Nervenreizung, Venenstau usw.). Er kann nur eine Aussage darüber treffen, dass neurologische Strukturen betroffen sind [4]. Dennoch spielen Faktoren wie z.B. das Alter eine große Rolle, denn positive oder negative Testungen sind – wie in den meisten Fällen – bei älteren Probanden weniger schlüssig als bei Jüngeren [5].

Durchführung
Der Patient liegt in Rückenlage auf der Liege, die Knie sind mit einer Halb-Rolle unterlagert und der Kopf liegt flach auf der Liege. Die Hände sind flach unter die LWS gelegt, um die physiologische Lordose zu unterstützen. Der Therapeut führt zuerst eine Dorsalextension des Fußes durch, gefolgt von einer Knieextension. Nach Rücksprache mit dem Patienten, ob er seinen typischen Schmerz verspürt, folgt bei einer Verneinung eine Hüftflexion. Diese wird soweit ohne Adduktion und Abduktion im Hüftgelenk durchgeführt, bis der Patient seinen typischen Schmerz in Oberschenkel/Wade/Fuß oder Rücken angibt. Sobald der Schmerz auftritt, wird als differenzierender Test, um die Nerven als Schmerzursache zu bestätigen, die Dorsalextension langsam aufgegeben, dann wieder verstärkt.

Passive Ausführung des SLR. Der Patient ist entspannt in Rückenlage. Wenn der Test mit einer Lordose der Lendenwirbelsäule ausgeführt werden soll, kann der Patient seine Hände unter die LWS legen. Alle wiederholenden Tests des SLR sollten dann unter gleicher Ausgangsposition stattfinden. (Foto: IMTA)
Abb. 1: Passive Ausführung des SLR. Der Patient ist entspannt in Rückenlage. Wenn der Test mit einer Lordose der Lendenwirbelsäule ausgeführt werden soll, kann der Patient seine Hände unter die LWS legen. Alle wiederholenden Tests des SLR sollten dann unter gleicher Ausgangsposition stattfinden. (Foto: IMTA)

Die zusätzliche Dorsalextension erhöht die Spannung auf den Nerv. Sie kann auch vor dem Heben des gestreckten Beines ausgeführt werden. (Foto: IMTA)
Abb. 2: Die zusätzliche Dorsalextension erhöht die Spannung auf den Nerv. Sie kann auch vor dem Heben des gestreckten Beines ausgeführt werden. (Foto: IMTA)

Literatur

  • 1 Beyerlein C, PT, MT, Hall T, MSc PT, Hansson U, PT, MT, Odemark M, PT, MT, Sainsbury D, BSc PT, H. T. Lim, BSc PT (2006). Effektivität der Mulligan-Straight-Leg-Raise- Traktionstechnik auf die Beweglichkeit bei Patienten mit Rückenschmerzen. In: Manuelle Therapie, 6(61), 61-68.
  • 2 Boyd, B. S. (2012). Measurement properties of a hand-held inclinometer during straight leg raise neurodynamic testing. In: Physiotherapy, 98 (2),174-179.
  • 3 Gurdjian, E. S., Webster, J. E., Ostrowski, A. Z., Hardy, W. G., Lindner, D. W.,Thomas, L. M. (1961). Herniated lumbar intervertebral discs-an analysis of 1176 operated cases. In: Journal of Trauma and Acute Care Surgery, 1(2), 158-176.
  • 4 Capra, F., Vanti, C., Donati, R., Tombetti, S., O'Reilly, C., & Pillastrini, P. (2011). Validity of the straight-leg raise test for patients with sciatic pain with or without lumbar pain using magnetic resonance imaging results as a reference standard. In: Journal of manipulative and physiological therapeutics, 34(4), 231-238.
  • 5 Rebain, R., Baxter, G. D., & McDonough, S. (2002). A systematic review of the passive straight leg raising test as a diagnostic aid for low back pain (1989 to 2000). In: Spine, 27(17): E388-E395.

Über den Autor
Raymond Binder ist Physiotherapeut M.Sc., Mitglied AG Akademisierung und Wissenschaft, VPT e.V., Herrenberger Str.9, 72202 Nagold, E-Mail: raymond.binder@t-online.de

 

 

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