Neurohormonale Dimension der Massagetherapie

| Peter T. Lenhart, M.A.

Ein selektiver Überblick zur neueren Oxytocin-Forschung und ein paar Anregungen

I. Oxytocin - ein erstaunlich vielseitiges Hormon

1909 isolierte der britische Biochemiker Henry H. Dale aus dem Hypophysenhinterlappen eine Substanz, von der sich herausstellte, daß sie Kontraktionen der glatten Muskulatur des Uterus und damit Geburtswehen auszulösen vermag. Er gab ihr, abgeleitet von den griechischen Begriffen für "schnell" und "Geburt", den Namen "Oxytocin". 
Etwas später stellte sich heraus, daß das Hormon zudem auf die Exkretion der Muttermilch wirkt. Oxytocin war daher zwar bald ein gängiges Präparat in der Geburtshilfe, aber erst in den 1950er Jahren gelang es Vincent du Vigneaud, dessen Aminosäuresequenz und Struktur aufzuklären und zu synthetisieren. 
Das Nonapeptid Oxytocin wird (ebenso wie das z.T. antagonistische Vasopressin) in neurosekretorischen Neuronen des Nucleus supraopticus und Nucleus paraventricularis im Hypothalamus gebildet und dann über Axone zum einen als Neurotransmitter in verschiedene Gehirnregionen, zum anderen in den Hypophysenhinterlappen transportiert, wo es gespeichert und bei Bedarf in den Blutkreislauf abgegeben wird, und wo es als Effekthormon direkt und ohne Umwege über periphere Drüsen auf die jeweiligen Zielzellen wirkt.

Daß Oxytocin neben wichtigen Funktionen bei der Geburt und beim Stillen noch viel weitergehende Effekte hat, ist eine Erkenntnis der jüngeren Zeit. Heute ist bekannt, daß sich hohe Konzentrationen von Oxytocin-Rezeptoren nicht nur im Uterus finden, sondern auch - bei Mann und Frau - u. a. in Hirn, Herz und Reproduktionstrakt; und daß Oxytocin allgemein auf das autonome Nervensystem wirkt und sogar psychische Vorgänge und soziale Verhaltensweisen regelt. 

So führt die Ausschüttung von Oxytocin bei der Geburt und beim Stillen (die mit einem Rückgang des Streßhormons Cortisol einhergeht und zu einem Zustand von Ruhe, Wohlbefinden und Vertrauen führt) zur Ausbildung der intensiven Mutter-Kind-Bindung. Die Oxytocin-Ausschüttung in Folge von zwischenmenschlichen Zärtlichkeiten [Light et al. 2004] und beim Geschlechtsverkehr wird inzwischen als wichtiger Faktor bei der Entstehung und Stabilisierung von adulten, monogamen Paarbindungen angesehen.
Diese Erkenntnisse, die zunächst in Tierexperimenten gewonnen wurden [Aragona et al. 2004], haben sich inzwischen auch beim Menschen experimentell weitgehend bestätigen lassen. So zeigten zum Beispiel fMRI-Untersuchungen von Verliebten und jungen Müttern besonders starke Aktivität in jeweils spezifischen, zum Teil aber auch überlappenden Regionen im "Belohnungszentrum" des Gehirns - das mit hohen Konzentrationen von Oxytocin- und Vasopressinrezeptoren korreliert ist. Gleichzeitig sieht man jene Gebiete deaktiviert, die für negative Emotionen, Mißtrauen, Skepsis etc. zuständig sind. [Bartels / Zeki 2003] 
Und bei Probanden, denen Oxytocin nasal verabreicht wurde, konnte (im Vergleich zu jenen, die nur ein Placebo bekamen) eine signifikante Zunahme des Vertrauens in andere Menschen nachgewiesen werden. Dies nicht als Folge einer allgemein erhöhten Risikobereitschaft, sondern als spezifische Bereitschaft, soziale Risiken in der Interaktion mit anderen Menschen einzugehen. [Kosfeld et al. 2005] Neben elterlichen Bindungen und monogamen Paarbindungen scheinen also auch Sozialverhalten und Gruppenloyalität hier ihre biologische Ursache zu haben. [Carter et al. 2005; Pedersen 2004] 
Darüber hinaus scheint Oxytocin bei Streßbewältigung und Regeneration eine zentrale Rolle zu spielen: es "kann Antistreß ähnliche Effekte, wie z. B. die Senkung des Blutdrucks und der Cortisol-Konzentration hervorrufen. Auch läßt es die Schmerzwahrnehmungsschwellen ansteigen, führt zu anxiolyse-ähnlichen Effekten und fördert verschiedene Arten der freundschaftlichen sozialen Interaktion. Darüber hinaus trägt es zu Wachstum und Heilung bei. Wird Oxytocin wiederholt appliziert, führt dies über die Beeinflussung anderer Transmittersysteme zu lang anhaltenden Effekten. Dieses Wirkungsspektrum macht Oxytocin zu einer klinisch wichtigen Substanz." [Uvnäs-Moberg/Petersson 2005]

II. Oxytocin und Massage: Erfahrungswerte in neuem Licht

Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß die Oxytocin-Ausschüttung der Mutter beim Stillen nicht nur durch das Saugen, sondern auch - wie bei anderen Säugetieren - durch ein angeborenes Programm von händischen Manipulationen des Säuglings an der mütterlichen Brust induziert wird, die man durchaus als eine Art von Massage verstehen kann. [Matthiesen et al. 2001] Auch sonst scheinen streichelnde, rhythmische Berührungsreize an der Haut zur Ausschüttung von Oxytocin zu führen, wie sich sowohl in Tierversuchen als auch am Menschen zeigen ließ. [Kurosawa et al. 1995; Lund et al. 2002; Wikstrom et al. 2003] Viele der wohltuenden und gesundheitsfördernden Wirkungen von Massagen, die in vielen Kulturen als praktischer Erfahrungswert bekannt sind und die auch in wissenschaftlichen Untersuchungen verschiedentlich nachgewiesen wurden (auch wenn diese Untersuchungen oft schwer zu vergleichen und zu interpretieren sind [vgl. Martin 2003; NCCAM 2004; Dryden et al. 2004]) lassen sich im Zusammenhang mit den neuen Erkenntnissen über die Wirkungsweise des Oxytocin-Vasopressin-Systems sinnvoll erklären. Massage führt zu Entspannung, Beruhigung und Wohlbefinden, reduziert Streß-Hormone, senkt Blutdruck und Pulsfrequenz (sogar bei Hypertoniepatienten [Olney 2005]), mindert das Schmerzempfinden und fördert Heilungsprozesse.

Eine Studie zeigte, daß Probandinnen, die erst von ihrem Partner massiert wurden, in einer anschließenden Streßsituation signifikant weniger gestreßt und auch erfolgreicher waren, komplexe mathematische Aufgaben zu lösen als die Probandinnen in der nicht-massierten Kontrollgruppe. [Heinrichs et al. 2004] 
Daß die Oxytocin-vermittelte Streßreduktion die Fähigkeit, intellektuelle Aufgaben zu lösen erhöht und somit auch das Lernen erleichtert wirkt nachvollziehbar. Damit scheinen regelmäßige Massagen insbesondere bei Kindern und Jugendlichen vielversprechend, zumal wenn man die durch Oxytocin gleichzeitig gesteigerte Bereitschaft zu sozialer Kooperation mit ins Kalkül zieht. Erfahrungen aus der Jugendpsychiatrie [Field et al. 1992] bestätigen diese Annahme ebenso wie ein groß angelegtes Experiment in Schweden, bei dem über sechs Monate in Schulen und Kindertagesstätten die regelmäßige Massage der Kinder in den Tagesablauf einbezogen wurde. Schon nach kurzem beurteilten Betreuer und Eltern der massierten Kinder diese als merklich ausgeglichener, sozial reifer und weniger aggressiv. Die Gruppendynamik hatte sich verbessert und die Kinder klagten weniger über physische Beschwerden. Eine Folgestudie nach neun Monaten zeigte, daß diese Effekte nicht nur anhielten, sondern sogar noch ausgeprägter geworden waren. [Uvnäs-Moberg 2003]
Solche Ergebnisse eröffnen nebenbei auch neue - und bisher wenig gesehene - Aspekte auf die derzeit viel diskutierte Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen. Regelmäßige Massagen (und der Oxytocin-induzierte Effekt von "calm and connection" [Uvnäs-Moberg 2003]) könnten sich hier als ein angemesseneres, langfristig kalkulierbareres und damit volkswirtschaftlich letztlich ökonomischeres Therapiekonzept erweisen als die oft allzu eilfertig verschriebene chemische Wunderwaffe Ritalin. [Field et al. 1998; Khilnani et al. 2004]

III. Ausblick

Die vorangegangenen Ausführungen sollten zum einen deutlich machen, daß die jüngsten Erkenntnisse über die vielfältigen Funktionen des Hormons Oxytocin ein neues und strahlendes Licht auf zahlreiche bisher erfahrungspraktisch bekannte, aber nicht wirklich erklärte bzw. verstandene Wirkungen von Massagen werfen. Wirkungen, die bisher mit vagen (und in manchen Kreisen nur belächelten) Konzepten wie "psychisch", "psychosomatisch" oder einfach "allgemein wohltuend" gerechtfertigt wurden, erhalten plötzlich einen ungemein stabilen und validen physiologisch-endokrinologischen Unterbau. 

Zum anderen sollten diese kurzen Ausführungen ein Aufruf sein, einen suchenden Blick zu entwickeln für weitere, aber bisher noch nicht explizit hergestellte Parallelen zwischen Oxytocin- und Massagewirkung.
Um nur ein Beispiel zu geben: eine australische Arbeitsgruppe [Reader et al. 2005] konnte bei der Behandlung von Alkoholentzugspatienten durch Massage deutliche Fortschritte registrieren (im Vergleich zur nicht-massierten Kontrollgruppe): Puls und Atmung waren reduziert, die subjektive Einschätzung der Patienten verbesserte sich, desgleichen die Werte auf der Alkoholentzugsskala (AWS: Alcohol Withdrawal Scale). Auf der anderen Seite zeigten wiederum verschiedene Tierexperimente, daß die Verabreichung von Oxytocin sowohl die Appetenz, die Wirkung und auch die Entzugserscheinungen von Rauschmitteln zu dämpfen vermag (Kokain, Heroin, Ethanol). [Kovacs et al. 1998] Man wird vermutlich nicht fehlgehen, wenn man hier einen Zusammenhang vermutet.

IV. Desiderata

Was in diesem Artikel nur angedeutet werden konnte, sollte idealiter für die Leserin und den Leser vor allem ein Ausgangspunkt sein. Wünschenswert wäre es, wenn die stetig zunehmende Forschungsliteratur über Oxytocin und dessen Wirkungen fortan auch im Kreise der Orthopäden, physikalischen Therapeuten und Masseure kritisch rezipiert und mit den eigenen praktischen Erfahrungen in Beziehung gesetzt würde. So ließen sich mit Sicherheit alsbald noch weitere, fruchtbare Hypothesen über die Wirkungsweise von Massagen gewinnen, die schließlich - und das ist das zweite große Desideratum - in künftigen wissenschaftlichen Studien reliabel, objektiv und valide überprüft werden könnten. 

Nach diesem forschungspolitischen Wunsch sei noch ein allerletzter gesundheitspolitischer Wunsch erlaubt. In Anbetracht der mannigfaltigen, wohltuenden Wirkungen, die Massagen und verwandte physikalische Therapien qua Oxytocin nachgewiesenermaßen zu erzielen vermögen: wäre es da nicht sinnvoll, Massagen erheblich freigiebiger zu verschreiben als derzeit? Auch als Prävention und Prophylaxe. Und natürlich als Therapie, sowohl für sich wie als flankierende Maßnahme zu anderen Therapien.

Die Belege für die spezifischen und allgemeinen Wirkungen scheinen jedenfalls so überzeugend, daß ein medizinisch und ökonomisch vernünftiges und auf Nachhaltigkeit bedachtes Gesundheitssystem kaum daran vorbei können wird.

Literatur

Aragona BJ, Wang Z. (2004) The prairie vole (Microtus ochrogaster): an animal model for behavioral neuroendocrine research on pair bonding. ILAR J. 2004;45(1):35-45.
Bartels A, Zeki S. (2004) The neural correlates of maternal and romantic love. Neuroimage. 2004 Mar;Vol. 21(3):1155-66.
Carter CS, Bales KL, Porges SW. (2005) Neuropeptides influence expression of and capacity to form social bonds. Behav Brain Sci. 2005 Jun;28(3):353-4.
Dryden, T, Baskwill A, Preyde M. (2004) Massage Therapy for the Orthopaedic Patient: A Review. Orthop Nurs. 23:327-332.
Field T, Morrow C, Valdeon C, Larson S, Kuhn C, Schanberg S. (1992) Massage therapy reduces anxiety in child and adolescent psychiatric patients. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 31:125-130.
Field T, Quintino O, Hernandez-Reif M, Koslovsky G. (1998) Adolescents with attention deficit hyperactivity disorder benefit from massage therapy. Adolescence, 33:103-108.
Heinrichs M, Ditzen B, Ehlert U. (2004) Streßprotektive Mechanismen partnerschaftlicher Interaktion. (www.psychologie.unizh.ch/klipsypt/forschung/ streß/partnerschaft/)
Khilnani S, Field T, Hernandez-Reif M, Shanberg S. (2004) Massage therapy improves mood and behavior of students with Attention Deficit/Hyperactivity Disorder. Adolescence, 152:623-638.
Kosfeld M, Heinrichs M, Zak PJ, Fischbacher U, Fehr E (2005). Oxytocin increases trust in humans. Nature, vol. 435, 2 June 2005:673-676
Kovacs GL, Sarnyai Z, Szabo G. (1998) Oxytocin and addiction: a review. Psychoneuroendocrinology 1998 Nov; 23(8):945-62.
Kurosawa M, Lundeberg T, Agren G, Lund I, Uvnäs-Moberg K. (1995) Massage-like stroking of the abdomen lowers blood pressure in anesthetized rats: influence of oxytocin. J Auton Nerv Syst. 1995 Dec 5;56(1-2):26-30.
Light KC, Grewen KM, Amico JA. (2005) More frequent partner hugs and higher oxytocin levels are linked to lower blood pressure and heart rate in premenopausal women. Biol Psychol. 2005 Apr;69(1):5-21.
Lund I, Ge Y, Yu LC, Uvnäs-Moberg K, Wang J, Yu C, Kurosawa M, Agren G, Rosen A, Lekman M, Lundeberg T. (2002) Repeated massage-like stimulation induces long-term effects on nociception: contribution of oxytocinergic mechanisms. Eur J Neurosci. 2002 Jul;16(2):330-8.
Martin WM. (2003) Massage therapy. A quick review on the available evidence. Workers Compensation Board of British Columbia, 2003. (Evidence Based Practice Group (EBPG) papers.)
Matthiesen AS, Ransjo-Arvidson AB, Nissen E, Uvnäs-Moberg K. (2001) Postpartum maternal oxytocin release by newborns: effects of infant hand massage and sucking. Birth, 28:13-19.
NCCAM. (2004) Manipulative and Body Based Practices: An Overview. NCCAM BackGrounder (U.S. Department of Health and Human Services, National Center for Complementary and Alternative Medicine).
Olney CM. (2005) The effect of therapeutic back massage in hypertensive persons: a preliminary study. Biol Res Nurs. 2005 Oct;7(2):98-105.
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Reader M, Young R, Connor JP. (2005) Massage therapy improves the management of alcohol withdrawal syndrome. J Altern Complement Med. 2005 Apr;11(2):311-3.
Uvnäs-Moberg K. (2003) The oxytocin factor. Trapping the hormone of calm, love and healing. Cambridge MA: Da Capo Press. [Ch. 13: Massage]
Uvnäs-Moberg K, Petersson M. (2005) Oxytocin, ein Vermittler von Antistreß, Wohlbefinden, sozialer Interaktion, Wachstum und Heilung. Z Psychosom Med Psychother. 2005;51(1):57-80
Wikstrom S, Gunnarsson T, Nordin C. (2003) Tactile stimulus and neurohormonal response: a pilot study. Int J Neurosci. 2003 Jun;113(6):787-93.