Interview | Physiotherapeut und Optimist mit Tatkraft und Handicap

Michael Kuhnt ist ein positiver Botschafter für die Anliegen der Therapeuten. Mit viel Engagement hat er seine Physiotherapiepraxis in Zellingen aufgebaut. In seiner Freizeit macht der sehbehinderte Physiotherapeut Sport, schreinert und nimmt einmal im Jahr mit seinem Tandempartner an der  BR-Radltour quer durch Bayern teil. Porträt über einen leidenschaftlichen Vertreter unseres Berufes.

Mit herzlichem Lächeln, freundlichen Blick und festem Händedruck begrüßt mich Michael Kuhnt in seiner Praxis zum Interview-Termin. Während er meine Jacke verräumt, betrete ich den Behandlungsraum.
Einen warmen, freundlichen Ort, in dem man sich gleich wohl fühlt. Ich nehme in einem der beiden oran-gefarbenen Sessel am Fenster Platz. „Wo sitzen Sie?“, fragt Michael, der mir das Du anbietet. Seit 30 Jahren ist der Physiotherapeut blind mit geringem Sehrest. Doch das ist ihm kaum anzumerken – in seiner Praxis kennt er jeden Winkel und jede Ecke. Ohne anzustoßen geht er an der Behandlungsliege vorbei und setzt sich in den anderen Sessel. Neugierig auf Fragen, offen fürs Gespräch.

Wie kam es zu deiner Entblindung?

Ich habe früher ganz normal gesehen, nur zum Autofahren musste ich Brille tragen. Mit 24 Jahren ging es plötzlich los. Ich habe eine Makuladegeneration, die schubweise voranging. Innerhalb von zwei Jahren habe ich 80 bis 90% meiner Sehkraft verloren. In der Klinik haben sie dann gesagt, ich muss damit rechnen, dass ich in ein paar Jahren blind bin.

Wie hast du dich da gefühlt?

Damals war das schon schlimm. Das Sehen ist ja der Sinn, der die größte Rolle spielt. Ich habe es anfangs verheimlicht, damit hab ich mir das Leben sehr schwer gemacht. Ich hatte Schreiner gelernt, wollte später noch Innenarchitektur studieren. Und dann machte ich plötzlich Fehler in der Schreinerei, für die ich gerügt wurde, weil ich nicht mehr richtig sehen konnte ... Man ist aus der Bahn geworfen. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, bis ich mich neu orientieren konnte.

Was hat dir dabei geholfen?

Ich bin einfach ein geborener Optimist. Gut war, dass ich immer viel Sport gemacht habe und sehr ehrgeizig bin. Ich habe mich selbst erkundigt, was ich beruflich machen könnte. So kam ich als Oberbayer nach Unterfranken: In Veitshöchheim konnte ich im Berufsförderungswerk für sehbehinderte und blinde Erwachsene verschiedene Berufe ausprobieren. Ich wusste schon nach 3 Tagen: Ich mache die Ausbildung zum Masseur. Ab da war ich wieder in der Bahn. Ich hatte das Gefühl: Ich bin wieder jemand. Ich hatte etwas gefunden, bei dem es nicht schlimm ist, ob man schlecht oder gut sieht.

Wieso hast du dich nicht für Physiotherapie entschieden?

Als Blinder und Sehbehinderter durfte man damals noch nicht Physiotherapeut werden. Meine Masseur-Ausbildung in Mainz ging bis 1989 und hat richtig Spaß gemacht. Ich hatte danach tolle Stellen in Unterfranken, habe hier meine Frau kennengelernt und nun sind wir eine Familie mit zwei Töchtern. Beruflich wollte ich mehr, ich wollte Krankengymnast werden. Ich hatte damals schon meine Manuelle Therapie Ausbildung angefangen. Ich hatte das Glück, dass ich durch meine Arbeit in der Sektion Blinde und Sehbehinderte im VPT etwas mit ins Rollen bringen konnte. Es ließ sich ein Pilotprojekt mit der Physiotherapieschule Neustadt/Saale realisieren: Dort konnte ich die zweijährige Nachqualifizierung machen und 1997 abschließen. Dann war die Tür offen, dass Blinde die Ausbildung zum Physiotherapeuten machen können. Heute sind wir allein in der Sektion in Bayern 50 an der Zahl.

Und dann hast du dich selbstständig gemacht?

Ja. Ich hatte viel Geld und Zeit in meine Aus- und Fortbildung investiert. Ansonsten hätte ich eine leitende Position in einem Krankenhaus  gewollt. Aber ich bin ein Typ, der gerne selbstständig arbeitet. Dann habe ich 1997 in Zellingen meine Praxis eröffnet.

Wie reagieren deine Patienten auf einen blinden Therapeuten?

Ich sammle keine negativen Erfahrungen. Manche sagen sogar, Sehbehinderte haben ein besseres Gefühl. Nur einmal hatte ich eine Patientin, die fragte, ob ich das überhaupt kann, wenn ich nichts sehe. Aber das kann man ja kommunizieren. Deshalb ist es wichtig, dass wir selbstsicher auftreten, dass wir Menschen anschauen, wenn wir mit ihnen reden, auch wenn wir selbst nichts sehen. Das müssen wir richtig üben, aber es macht so viel aus. Für mich gibt es zwei Möglichkeiten, wenn Schwierigkeiten bestehen: Erstens aus dem Weg räumen oder zweitens ignorieren (lacht).

Dieses Motto passt auch dazu, dass du mit deinem Tandempiloten quer durch Bayern radelst ...

Ja, ich war früher schon sehr sportlich. Irgendwann schaffte ich mir ein Tandem an und fragte einen meiner Patienten, ob er das mit mir ausprobieren will. Mit ihm fahre ich seit zehn Jahren regelmäßig. Das ist einfach schön. Seit fünf Jahren nehmen wir an der BR-Radltour teil. Uns kennen da schon viele. Mit dem Tandem fallen wir natürlich auf und kommen ins Gespräch. Manche sind überrascht und fragen: „Was? Du wohnst nicht in einem Heim?“ Andere denken, mein Kumpel ist der Physiotherapeut und ich sitz nur hinten drauf. Es ist also auch ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit für die Blinden, an der Tour teilzunehmen. Wir geben Interviews für den BR, um andere zu motivieren und um zu zeigen: Wir Blinden können das auch.

Welche Hobbys hast du noch?

Ich mag handwerkliches Schaffen im und am Haus, insbesondere Schreinerarbeiten. Hier in der Praxis habe ich u.a. den Tresen und Einbauschrank in der Anmeldung gemacht. Das geht trotz meines Handicaps, denn vieles ist Routine und Gefühlssache, man kann es abtasten, abfühlen. Manchmal braucht man Hilfe, die akustische Wasserwaage und das akustische Maßband. Außerdem darf es nicht schnell-schnell gehen. Ich mache nur, wobei ich mir sicher bin. Ich sag mir als Blinder: Geht nicht gibt’s nicht. Erst mal ausprobieren! Wenn es dann nicht geht, ist das okay. Man muss nicht alles können. Aber ich probiere aus und mache gerne Dinge, die nicht jeder macht. 

Bekommen Physiotherapeuten zu wenig Wertschätzung?

Mangelnde Anerkennung durch die Politik und die Krankenkassen gibt es schon. Aber nicht von Patienten. Die wussten ja lange gar nicht, dass wir so wenig verdienen. Deshalb kläre ich permanent auf: Für einen Stundenlohn unter 30 Euro bekommt man keinen Handwerker. Es ist viel passiert. Dass die Sätze angehoben worden sind, merkt man im Geldbeutel und ich gebe das an meine Mitarbeiter weiter. Aber es muss mehr passieren - das sagt ja auch VPT-Vorsitzender Hans Ortmann: Es darf keinen Stillstand geben. Denn wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen.

Was wünscht du dir von deinen Kollegen?

Dass sie ganz locker und unvoreingenommen auf uns zukommen, auch bei Treffen und Kongressen. Weil wir ja nicht so schnell wie ein Sehender wissen, wer sich da im Saal befindet. Das ist für mich Inklusion: Im ganz normalen Leben locker miteinander umgehen. Dann wird man immer sicherer im Umgang miteinander – sowohl wir mit den Menschen ohne Handicap als auch sie mit uns.

Foto: Anja Stamm