Interview | Mit Physiotherapie Schritt für Schritt in ein neues Leben

August 2016: Der ehemalige Eisspeedway-Profifahrer Dmitri Tschatschin verunglückt schwer beim Motocross. Diagnose: inkomplette Querschnittslähmung. Aufgeben kommt für den früheren Profi-sportler und WM-Bronze-Medaillengewinner nicht infrage. Mit eisernem Willen kämpft er sich in ein neues Leben. Die Physiotherapie hilft ihm dabei. Sein Ziel ist es, wieder gehen zu können. Ein Team der Berufsfachschule Bad Birnbach hat mit ihm über den Stellenwert der Physiotherapie gesprochen.

Der Tag, an dem es passierte, sollte schön werden. Beruflich fiel ein Termin aus und so beschloss Dmitri Tschatschin mit seinem damaligen Geschäftspartner, zur Motocrossstrecke nach Rottenburg zu fahren. Ein bisschen Spaß haben, den Kopf frei bekommen, das war der Plan. Doch es kam anders. Nach einem Sprung mit dem Motocross-Motorrad stürzte er schwer. Als er die Augen öffnete, bekam er kaum Luft und fühlte seine Beine nicht mehr. Die Diagnose lautete: Rückenmarkquetschung und inkomplette Querschnittslähmung. Die Chance, ob er jemals wieder gehen könnte oder für immer im Rollstuhl sitzen müsste, standen 50:50. Tatsächlich fühlte er zunächst beckenabwärts nichts mehr. Nach einer OP kam das Gefühl in den Beinen etwas zurück. Seither geht es bergauf. Auch dank seiner Physiotherapeuten ...

Interview

Herr Tschatschin, wir freuen uns, dass Sie heute bei uns zu Gast sind und sich für ein Interview im Rahmen unserer Projektarbeit zur Verfügung stellen. Sie sind ja dreifacher Deutscher Vizemeister im Eisspeedway und kommen ursprünglich aus Moskau. Können Sie uns hierzu kurz etwas erzählen?

Dmitri Tschatschin: Im Alter von drei Jahren kam ich nach Deutschland und mit vier Jahren hatte ich bereits mein erstes Motorrad. Fortan saß ich häufig auf Motorrädern, trainierte fleißig und auch mein Interesse für Eisspeedway nahm immer mehr zu, sodass ich dies ausprobierte und schließlich eine Profikarriere startete.

Ihre aktive sportliche Laufbahn nahm ja dann im August 2016 mit einem Trainingsunfall ein tragisches Ende, nämlich aufgrund einer Querschnittslähmung. Wie kam es dazu und wie war Ihr Weg ab da bis jetzt?

Im Rahmen eines Trainingssturzes verunfallte ich bei der Landung, zertrümmerte mir den Tibiakopf und die Kompression des 12. Brustwirbels brachte eine Rückenmarkquetschung mit sich, was letztlich zu einem inkompletten Querschnitt führte. Seit diesem Ereignis ist jeder Tag ein Reha-Tag, ohne Physiotherapie geht nichts.

Sie sind ja von vielen Menschen behandelt worden, seien es Ärzte, Krankenschwestern oder auch Physiotherapeuten. Wie sind Ihre Erfahrungswerte dahingehend, vor allem in Bezug auf Physiotherapeuten?

Meine Erfahrungen mit Ärzten waren zum Teil katastrophal, ganz im Gegensatz zu denen mit Physiotherapeuten. Nach der Erstversorgung im Krankenhaus wurde ich in die Frühreha verlegt. Dort schmetterte mich ein junger Arzt mit der Aussage ab, „Sie haben einen Querschnitt – Sie werden für Ihr ganzes Leben im Rollstuhl bleiben.“ Daraufhin wechselte ich in ein anderes Rehazentrum, wo mir Physiotherapeuten von Beginn an sehr viel Mut machten und mich sofort auf die Beine stellten und zum konsequenten Trainieren aufforderten, sodass in ca. ein bis zwei Jahren der Rollstuhl Geschichte sein wird. Mittlerweile finden meine Behandlungen in einer Intensivreha statt und ich kann bereits mit Rollator einige Meter selbstständig gehen, wenn auch noch nicht perfekt.

Eine Krankheit bzw. ein Unfall muss ja immer erst verarbeitet werden und dies bedarf einer gewissen Zeit. Hat der Physiotherapeut zu Ihrer Krankheitsverarbeitung beigetragen? Wenn ja, wie bzw. womit half er Ihnen am meisten?

Die negative Aussage in der Frühreha – „ich würde für immer im Rollstuhl bleiben“ spornte mich an, das Gegenteil zu beweisen. Ich wechselte ja daraufhin das Rehazentrum. In anderen Kliniken sammelte ich positive Erfahrungen, wurde von neuen Ärzten und vor allem von Physiotherapeuten fortan betreut, die mir unendlich viel Mut zusprachen und mir auch sagten: „Bei einem inkompletten Querschnitt ist noch was rauszuholen.“ Aber es dauere lange und ich müsse arbeiten, arbeiten, arbeiten. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, die Physiotherapeuten tragen zur Motivation und zum Erreichen von Erfolgen bei.

Von all dem, was Sie uns erzählt haben, würden wir gerne wissen: Welche Erwartungen haben Sie an einen Physiotherapeuten? Würden Sie das folgende Zitat von Paracelsus bestätigen? „Die beste Arznei für den Menschen ist der Mensch. Der höchste Grad dieser Arznei ist die Liebe.“

Ich wurde in den letzten 20 Wochen im Rahmen der Intensivreha von drei verschiedenen Physiotherapeuten behandelt und alle drei waren mega! Jeder von ihnen hatte jahrelange Berufserfahrung, konnte gut spüren und bei täglich sechs Stunden Training baut man auch eine persönliche Beziehung zu den Therapeuten auf. Aufgrund dessen muss für mich alles passen. Damit meine ich, das Fachwissen und auch das Gefühl für die Umsetzung dessen am Patienten. Ich möchte ja wieder auf die Beine kommen. Auch die menschliche Art ist sehr wichtig. Ich wurde 14 Monate lang immer von derselben Physiotherapeutin behandelt, da muss die Chemie stimmen, sowohl fachlich als auch persönlich. Einen Therapeutenwechsel gab es während meiner Behandlungen nur wegen Urlaubs des Therapeuten, ansonsten nicht. Ein Physiotherapeut muss meiner Meinung nach, einen Menschen gut motivieren können, er muss fachlich kompetent sein und empathisch, vor allem bei Patienten mit schweren Krankheitsbildern. Die mentale Unterstützung, das Persönliche und die Empathie sind auf alle Fälle das Wichtigste, sodass die Therapie gut gelingen kann und Erfolge erzielbar sind. Ich hatte dahingehend bislang immer Glück.

Wie Sie vielleicht auch von manchen Physiotherapeuten schon erfahren haben, gestalten sich die Ausbildungsbedingungen aufwendig und teuer. Im Vergleich hierzu und auch zum Deutschen Durchschnittsgehalt ist das Gehalt der Physiotherapeuten leider nur gering. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Während meiner Therapien habe ich bzgl. dieser Situation schon Einiges erfahren und finde es eine Frechheit, was die Höhe des Gehaltes anbelangt. Physiotherapeuten müssen enorme Arbeit leisten, vor allem auch körperlich und speziell wie in meinem Behandlungsfall, wohlmöglich schädigen sie auch ihren eigenen Körper damit. Ich weiß auch, dass seitens unseres Gesundheitssystems leider „nicht mehr drinnen ist“, aber dennoch würde ich diesen Job nicht machen.

Das Gespräch mit Dmitri Tschatschin führten Annalena Münch,  Katrin Jäger, Andrea Hofmeister, Rebekka Absmeier, Manuel Lindner, Klasse PT 2016/2019, VPT Berufsfachschule Bad Birnbach

Foto: VPT Berufsfachschule Bad Birnbach/privat