Galen aus Pergamon - der Architekt der europäischen Medizin

| Michel Puylaert

Galen, mit römischem Namen Claudius Galenus Nicon, war und ist eine der berühmtesten Persönlichkeiten der Antike. Er lebte von 130 - 201 n. Chr., also etwa 700 Jahre nach Hippokrates, und verfasste eine Synthese der antiken Heilkunde. Seine Lehre beherrschte 1000 Jahre lang die Heilkunde. Sie galt als Grundlage der ärztlichen Ausbildung.
Neben einem außergewöhnlich klaren Verstand und genialen Entdeckungen ist Galen für seine Neigung zu Zank und Streit, seinen Angaben nach von der Mutter vererbt, in Erinnerung geblieben. Am bekanntesten ist seine Theorie über die Blutzirkulation, die erst 1628 W. Harvey als eindeutig falsch bewies. Weitere eklatante Fehlinterpretationen der menschlichen Anatomie verzögerten die Entwicklung der Medizin erheblich.

Über die Person Galen

Galen soll zwischen 250 bis 500 Schriften verfasst haben. Seine Lehre galt als unantastbar und ist erst wesentlich später von dem berühmten belgischen Anatom Andreas Vesalius (1514 - 1564) teilweise widerlegt worden, indem er Galen über 200 Fehler nachwies.

Eine Erklärung seiner einmaligen Karriere liegt möglicherweise darin, dass Galen in Pergamon (heute Bergama in der Türkei), eine der Hauptstädte der griechisch-römischen Kultur und manchmal "zweites Athen" genannt, geboren worden war. Dieser Ort, in dem das Pergament erfunden wurde, war die Hauptstadt des Asklepioskultes, des Gottes der Medizin, und wurde deshalb von vielen Kranken besucht. Die Bibliothek soll 200.000 Bücher beinhaltet haben, vergleichbar mit der weltberühmten Bibliothek in Alexandria im heutigen Ägypten.

Galens Vater, ein angesehener Architekt, hatte angeblich von Asklepios geträumt und von da an gottesfürchtig seinen damals 17-jährigen Sohn an die Medizin herangeführt. Der junge Galen genoss eine hervorragende Ausbildung - Mathematik, Philosophie, Naturlehre - in verschiedenen Städten der oströmischen Provinzen. Er vollendete seine Studien in Alexandria. Zurück in Pergamon erhielt er den Titel "Arzt der Gladiatoren". Die Wunden der Kämpfer gewährten ihm einen Einblick in den Körper. Dadurch konnte er seine anatomischen Kenntnisse erweitern und neue Behandlungsmethoden erproben. Später erwähnte er häufig, dass keiner seiner Patienten gestorben sei.

Pergamon war für eine Person wie Galen zu provinziell, deshalb reiste er 161 n. Chr. nach Rom. In der Öffentlichkeit geführte Wort­gefechte und das Sezieren von Tieren vor Publikum machten ihn berühmt. Die verachtende Art jedoch, in der er seine Gegner abfertigte, brachte ihm die Feindschaft vieler Ärzte ein.

Aus Angst vor einer Pestepidemie verließ Galen 166 n. Chr. Rom. Er wagte sich nicht mehr zurück, bis der Kaiser Marcus Aurelius ihn 168 n. Chr. zu sich rief. So wurde er Leibarzt des Kaisers und dessen Sohnes Commodus (der im Jahr 2000 mit dem Oscar-prämierten Film "Gladiator" von Ridley Scott wieder in Erinnerung gebracht wurde).

Obwohl Galen nur ein mäßiger Schriftsteller war, verfasste er neben medizinischen auch mathematische und philosophische Schriften. Bekannte Schriften sind "Ars parva" und "Microtechnia", das Basisbuch der Medizin bis zur Renaissance. Sie zeichnen ein sehr widersprüchliches Bild von Galen: Einerseits eine vollkommene Beherrschung des gesamten Stoffes, andererseits eine maßlose Eitelkeit und Überschätzung der eigenen Leistung.


Galen und Hippokrates

Galen war kein Anhänger Hippokrates. Über ihn sagte Galen: "Er bereitete den Weg, aber ich habe ihn begehbar gemacht, dadurch wurde die Medizin eine Wissenschaft.". Oft kritisierte er den "Corpus Hippocraticum". So ist der berühmte Satz überliefert: "Hippokrates sagt ja, aber Galen sagt nein.".

Im Gegensatz zur hippokratischen Lehre betrachtete Galen Krankheit unter organspezifischem Aspekt. Die Therapie müsse die Natur verändern (contraria contrariis curantur) und nicht, wie Hippokrates meinte, der Natur die Heilung überlassen. 

Alle Schulen seiner Zeit kritisierte Galen scharf und bezeichnete seine Kollegen oft als Dummköpfe, was ihm Missgunst und Feindschaft eintrug.


Der Mediziner Galen

Als guter Kliniker und Medizinwissenschaftler fasste Galen sein medizinisches Denken in dem Satz "Die Natur tut nichts ohne Zweck" zusammen. So frage Natur nur nach dem Wozu von Lebensvorgängen. 

Die Essenz des Lebens ist in Galens Sicht "das Pneuma". Seine Erzeugung wird so erklärt: Herz und Arterien kontrahieren gleichzeitig. Bei der Kontraktion wird Flüssigkeit ausgestoßen, während bei der Ausdehnung Luft aufgenommen wird. Diese dient zur Abkühlung und soll durch Vermischung mit dem Blut im Herzen das "Lebens-Pneuma" bilden. Die Leber wandelt das Pneuma in "Körper-Pneuma" um, damit Wachstum und Ernährung des Körpers unterstützt werden.

Von 161 bis 166 n. Chr. hielt Galen Vorlesungen, in denen er vivisektorische Experimente, oft zur Eigenwerbung, durchführte, wobei er durchaus logisch vorging. So ist der Nachweis der Funktion des Nervus laryngeus recurrens als Stimmnerv Legende geworden: Vor geladenem Zuschauerkreis durchtrennte Galen die Nerven eines lebenden und laut quiekenden Schweins. Nachdem er den N. laryngeus recurrens durchtrennt hatte, hörte das Schwein sofort zu schreien auf. Solche Experimente stießen auf Begeisterung, aber auch auf Ablehnung bis hin zur Feindlichkeit. Nach seiner Rückkehr 168 n. Chr. nach Rom veranstaltete Galen keine öffentlichen Experimente mehr. Historiker vermuten Drohungen oder Repressalien seitens einflussreicher Bürger. 

Galen sezierte Affen, Schweine und sogar das Herz eines Elefanten, aber offenbar keinen Menschen. Allgemein wurde angenommen, dass die Erkenntnisse aus dem Sezieren von Tieren sich auf den Menschen ohne weiteres übertragen ließen. Aus diesem Grund, so vermutet man, leiteten sich zahlreiche Fehlinterpretationen ab. Galen beschrieb z.B. die Leber als Ursprung der Venen. Sie umgreife den Magen mit Lappen, die Fingern ähneln - ein Rückschluss aus Sektionen von Affen und Schweinen.

Einige von Galens Thesen sind besonders bemerkenswert:

  • Der lobenswerte Eiter
    Galens Theorie über den lobenswerten Eiter (pus bonum et laudabile) hat jahrhundertelang die aseptische Behandlung von Wunden verhindert. Sie besagt, dass jede Wunde beim Heilungsprozess Eiter produziere. Der Eiter entstehe aus verunreinigtem Blut, das vom Körper ausgestoßen werden müsse. 
  • Der Puls 
    Galen verfasste ein Handbuch über den Puls, in dem er die Pulsmessung und deren Interpretation bei verschiedenen Krankheiten erklärt. Er wusste schon damals, dass der "doppelschlägige Puls" ein Zeichen für Herzschwäche ist oder bei Fieber die Frequenz des Pulses zunimmt. 
  • Der Aderlass 
    Gleichgültig, welche Krankheit es betraf, immer war der Aderlass die richtige Therapie - am Ende sogar bei Blutverlust! 
  • Der Aderlass und die Plethora (Fülle) 
    Eine frühere Lehre (Erasistratos 310 -250 v. Chr.) besagte, dass Krankheit durch Überfüllung der Körperteile mit unverdauten Stoffen entstehe. Dieser Zustand wurde als "Plethora" bezeichnet. Als Anhänger dieser Theorie sah Galen einen Überschuss an Blut - Plethora - als Hauptproblem, das zu Kopfschmerzen, Fieber oder sogar Schlaganfall führe. Arthritis beruhe auf einer Plethora der Gelenke. Das Allheilmittel war der Aderlass (im Volksmund: "eine Vene atmen lassen"). Zur präzisen Indikation seien Parameter wie Alter, Jahreszeit und Ort zu berücksichtigen. Jedoch konnte der Arzt den Patienten auch prophylaktisch zur Ader und gelegentlich bis zur Bewusstlosigkeit bluten lassen! Im Gegensatz zu Erasistratos, einem Gegner des Aderlasses, begründete Galen sein Verfahren damit, dass die Menstruation den Frauen viele der Krankheiten erspare, die überwiegend bei Männern zu finden seien. 
  • Die Atmung des Gehirns
    Durch vivisektorische Experimente soll Galen den primären respiratorischen Mechanismus, den die heutige Osteopathie kennt, entdeckt haben. Er beobachtete die kraniokaudale Bewegung des Gehirns nach Entfernung des oberen Teils des Schädels und bezeichnete sie als eine Art Pulsation. Galen behauptete, wenn ein Tier schreie, werde die Amplitude größer. Als erster beschrieb er die Schädelnähte.

Zusammenfassung

Galen schuf eine rationale Basis für die Behandlung von Patienten, die bis dahin hauptsächlich auf der praktischen Erfahrung des Arztes basierte. Die heutige Schulmedizin sieht ihre Wurzeln sowohl bei Hippokrates als auch bei ihm. Auch Grundprinzipien der Osteopathie werden bei Galen gefunden.

Galens Theorien sind von der Philosophie Platons und der Physiologie des Aristoteles stark geprägt. Dank seiner Kenntnisse in Anatomie und Neurologie korrigierte Galen einige Aussagen von Aristoteles. Er vertrat die Meinung, dass der Arzt philosophisch gebildet sein müsse - eine heute nur selten anzutreffende Kombination.

Galen stellte fest, dass Anatomie und Physiologie untrennbar seien. Seine anatomischen Entdeckungen sind beeindruckend und kompensieren viele seiner Fehler. Er hat Wörter wie Processus oder Epiphyse ins Leben gerufen und als erster den weiblichen Zyklus mit 28 Tagen beschrieben. Er hat Muskeln und Sehnen sehr gut beschrieben und neue entdeckt, u.a. den M. buccinator, M. pectoralis minor, M. popliteus. 

Er äußerte sich zu fast allen medizinischen Themen. Die klassische Beschreibung, "Galen hat alles gelesen, aussortiert, kritisiert und fast alles verstanden", fasst seine Persönlichkeit und sein Wirken zusammen.

Im Jahr 192 sind bei einem verheerenden Brand in Rom viele Bücher Galens den Flammen zum Opfer gefallen. Im Vergleich zu anderen antiken Autoren sind allerdings recht viele seiner Bücher erhalten geblieben. 8 Jahre später soll Galen in Rom oder Pergamon gestorben sein.

Literatur

  • Ackernecht, E.H.: Geschichte der Medizin, Stuttgart (Ferdinand Enke Verlag) 1989 
  • Colin, A: Dictionnaire des noms illustres en médecine. Belgique (Prodim) 1994 
  • Galen, Oeuvres médicales choisies. Tome 1: A. Pichot (Gallimard) 1994 
  • Galen, Oeuvres médicales choisies. Tome 2: A. Pichot (Gallimard) 1994 
  • Porter, R: Die Kunst des Heilens. Heidelberg (Spektrum) 2003 
  • Toussaint, J: Les racines de l´ostéopathie dans la médecine antique. Marseille (ProEdit) 2006